Die WordPress.com Statistikelfen fertigten einen Jahresbericht dieses Blogs für das Jahr 2011 an.

Hier ist eine Zusammenfassung:

Ein New York City U-Bahnzug faßt 1,200 Menschen. Dieses Blog wurde in 2011 etwa 4.600 mal besucht. Um die gleiche Anzahl von Personen mit einem New York City U-Bahnzug zu befördern wären etwa 4 Fahrten nötig.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

„Das Verhältnis zwischen Christen und Kultur ist aktuell für die Kirche das entscheidende Thema.“ (Tim Keller)

„Ich versuche nicht, das Evangelium relevant zu machen, sondern die Relevanz des Evangeliums zu zeigen.“ (Mark Driscoll)

Zu unserer Vision für geistliches Leben gehört, dass es nicht nur historisch und organisch, sondern dabei auch relevant für unsere Mitmenschen sein soll. Um das Bild vom Baum aus dem letzten Artikel noch einmal aufzugreifen: der Baum besteht ja nicht nur aus Wurzeln, sondern auch aus einem Stamm, sowie aus Ästen und Zweigen, die sich immer weiter ausstrecken.

Unter „Relevanz“ verstehen wir nicht einfach eine Anpassung der Kirche an ihr kulturelles Umfeld, bei der es nur darum geht, dass Form und Inhalt ‘zeitgemäß’ sind. Darin sehen wir nämlich die Gefahr, beliebig zu werden, die christliche Identität aufzugeben und damit Verrat an sich selbst zu begehen. Die historischen Wurzeln der Kirche dürfen nicht gekappt werden. Sonst sind wir morgen vielleicht so hip, dass wir übermorgen schon wieder veraltet sind. Relevant sein bedeutet, mit der uns umgebenden Kultur in Berührung zu bleiben. Wir möchten nicht reaktionär und defensiv sein, sondern als Christen proaktiv und dienend am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Nur wenn wir Teil der Kultur sind, können wir sie von innen heraus mit einem gelebten und gepredigten Evangelium konfrontieren.

Konkret: In der Praxis bedeutet das dann folgendes:

Wir wollen authentisch unseren Glauben im Alltag leben. An erster Stelle stehen nicht Programme, Projekte oder Events, sondern eine hohe Sicht des Alltäglichen. Unser geistliches Leben soll zuallererst im Alltag, für Familie, Freunde, Hobby und Beruf relevant sein. D. h., es soll sich dort ausdrücken, und das auf eine Art und Weise, die für unsere Nächsten von Bedeutung ist. Für uns ist das von Theologen so genannte ‘Priestertum aller Gläubigen’ (alle Christen haben einen priesterlichen Dienst in der Welt) extrem wichtig. Die christliche Kirche ist eine Laienbewegung.

„…einer der Begriffe, der sich in unser christliches Vokabular hineingeschlichen, und dabei unglaublich vielen Seelen geschadet hat, ist „christlicher Vollzeitdienst“. Jedes Mal, wenn wir ihn gebrauchen, treibt es einen Keil der Missverständlichkeit zwischen unser Beten und unser Arbeiten, zwischen unser Gottesdienst Feiern und unser für den Lebensunterhalt Sorgen.“ (Eugene Peterson)

Wir schätzen jede Art von Musik, Kultur und Kunst als Ausdruck der Kreativität und Form der Kommunikation. Der christliche Glaube sollte kulturelle Vielfalt nicht zerstören, sondern feiern. Sie wird in Ewigkeit erhalten bleiben und ermöglicht ein vollständigeres Gesamtbild von Gottes Wesen. Wir glauben, dass der Wunsch, künstlerisch und schöpferisch aktiv zu sein, zu unserer Ebenbildlichkeit Gottes gehört. Außerdem ist Kunst eine Form der Kommunikation. Kunst sagt uns nicht nur etwas über Gott, sondern auch über das Innenleben und die Lebensrealität unserer Mitmenschen.

Wir wollen eine lokale Gegenkultur entwerfen. Das heißt, wir wollen eine alternative Gemeinschaft von Kölnern in Köln und für Köln sein. Nicht eine Subkultur, die sich letztendlich doch einordnen lässt, sondern eine Gegenkultur, wo wir Dinge in Frage stellen, und frei und kreativ überlegen: Wie sähe es aus, wenn die Herrschaft von Jesus in Köln anerkannt und gelebt würde? Das ist unser Experiment.

Wir wollen Verantwortung für die Menschen tragen. Jesus hat seine Gemeinde in die Welt gesandt. Im Rückzug aus der Welt sehen wir deswegen ein sich Drücken vor der gottgegebenen Verantwortung für unsere Mitmenschen. Wir haben nicht nur eine Bringschuld, was das Evangelium angeht, sondern wir sollen gemeinschaftlich Jesus in der Welt verkörpern. Dem gingen (laut Evangelien) auch gesellschaftliche, politische, und soziale Missstände und Nöte nahe. Konkrete Leiden seiner Mitmenschen ließen ihn nicht kalt. „Unsere Liebe darf sich nicht in Worten und schönen Reden erschöpfen; sie muss sich durch unser Tun als echt und wahr erweisen.“ Persönliche Evangelisation und sozial-diakonische Dienste, bzw. gesellschaftliches Engagement, sind deswegen für uns gleich wichtig. Wir finden: man darf sie nicht von einander trennen oder sogar gegen einander ausspielen.

Unsere Vision für geistliches Leben ist organisch. Sie orientiert sich an der Natur. In der Bibel sehen wir, wie der Mensch und wie das Reich Gottes mit Bildern aus der Natur beschrieben werden. Ein Mensch ist kein Auto, dass nur regelmäßig ‘auftanken’ muss. Und echte Gemeinschaft (eine Kirche) ist keine Maschine, die bloß ihr Öl braucht, um rund zu laufen. Wir glauben, dass der einzelne Mensch und die Kirche vor Allem lebendige Organismen sind. Und dass das Leben etwas komplexes, gottgegebenes, heiliges und geheimnisvolles ist. Deswegen schätzen wir das Leben, und wollen es gerne in seiner Fülle entdecken.

In der jüdischen Schöpfungsgeschichte heißt es: „Da machte Gott den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Lebensatem in seine Nase. Und so wurde der Mensch eine lebendige Seele.“ Gott machte sich die Hände schmutzig, er formte den Menschen aus der Erde. Der Mensch ist von Gott, aber aus der Erde. Und es ist der Atem Gottes, der ihn zu einem lebendigen Wesen macht.

Gottes Schöpfung funktioniert in Zyklen, sie hat einen Rhythmus. Tag und Nacht, die Jahreszeiten, die sieben Tage einer Woche. Leben wird nicht produziert – es wird geschaffen und es wächst. Die Schöpfung lebt nach diesen Gesetzmäßigkeiten.

Uns ist wichtig, dass wir uns zuerst als Teil von Gottes Schöpfung verstehen. Dass wir begreifen, wie seine Welt funktioniert. „Wir vergessen nicht, dass wir Christen sind – wir vergessen, dass wir Menschen sind.“ (Unbekannt) Nicht nur, dass wir es vergessen, wir haben es nie wirklich gewusst. Und deswegen möchten wir gemeinschaftlich lernen, was es heißt, Mensch zu sein und was es heißt, Christ zu sein. Wir wollen gemeinsam leben lernen. Was passiert, wenn Menschen den göttlichen Rhythmus der Schöpfung ignorieren, sieht man momentan in unserer Gesellschaft: „Volkskrankheit Burn-Out“. Wir sind erschöpft und deprimiert – höchste Zeit, dass wir wieder zurückfinden.

Auch das Himmelreich folgt organischen Naturgesetzen. Das Reich Gottes ist seine anbrechende Herrschaft auf dieser Erde, die sich vor Allem in seiner Kirche zeigt. Jesus sagt:

»Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Senfkorn, das ein Mann auf sein Feld sät. Es ist zwar das kleinste aller Samenkörner. Aber was daraus wächst, ist größer als alle anderen Gartenpflanzen. Ein Baum wird daraus, auf dem die Vögel sich niederlassen und in dessen Zweigen sie nisten.«

Geistliches Leben in einer Gemeinschaft kommt von Gott. Wir können versuchen, alles so sorgfältig wie möglich zu organisieren. Aber Gott muss das Wachstum geben. Und dieses Wachstum braucht Raum, Pflege und Zeit. Um einen Vergleich vom Apostel Paulus zu gebrauchen: wir können pflanzen und gießen, aber Gott bewirkt, dass es wächst. Die Strukturen, die wir brauchen, sind wie ein Pflanzenstab, der dafür sorgt, dass das Wachstum in die richtige Bahn gelenkt wird.

Wir finden, dass man die Gemeinde mit einem Baum vergleichen kann. Ein gesunder Baum wird gleichzeitig in die Tiefe und in die Höhe bzw. Breite wachsen. Für uns bedeutet das Wachstum in die Tiefe zum Einen die gemeinsame Vertiefung des Glaubens. Zum Anderen heißt es für uns allerdings auch, tief in der Geschichte, die Gott mit seinem Volk schreibt, verwurzelt zu sein (siehe letzter Beitrag).

Konkret: Weil wir das ganze Leben als Gottes Geschenk sehen, spielen Kunst, Musik und Kultur, Freundschaft und Respekt für uns eine wichtige Rolle. Das soll auch in unserer Gemeinschaft, in Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen sichtbar werden. Wir haben eine ganzheitliche Sicht vom Menschen und von einem Leben mit Gott. Ein richtig verstandenes und entsprechend angewendetes Evangelium wird das ganze Leben von innen heraus verändern. Gott will, dass dieser lebenslange Prozess in einer Gemeinschaft gelebt und von ihr begleitet wird. Soulfire soll ein Zuhause für Lernende und Suchende in der Kölner Innenstadt sein.

Wir glauben an das organische Prinzip, haben aber keine romantische Vorstellung davon, wie dieses in der Praxis zum Tragen kommt. Das heißt: Programme, Methoden, Strategien, Organisation und Planung, Absichtlichkeit und Institutionen sind alles notwendige Werkzeuge für geistliches Wachstum. Sie schaffen den Rahmen für Gottes Wirken, sind aber niemals die Ursache oder Quelle geistlichen Lebens. Mit unseren Bemühungen bauen wir sozusagen nur den Altar, aber Gott muss das Feuer vom Himmel senden.

Wir sind junge Stadtchristen. Unsere Vision für geistliches Leben (des Einzelnen und in der Gemeinschaft) lässt sich an drei Begriffen festmachen: historisch, organisch und relevant. Im Laufe der nächsten Tage werde ich kurze Artikel mit diesen Überschriften veröffentlichen. Hier ist der erste Teil: Historisch.

Wir haben keine Vergangenheit. Und wir haben keine Zukunft. Dafür haben wir Angst. Der moderne Mensch kennt keine Geschichte. Immerhin sind wir ja an der Spitze der Entwicklung! Alles, was vor uns kam, ist deswegen minderwertig. (Es ist höchstens für jemanden interessant, der sich fragt, wie wir an die Spitze gekommen sind.) Als der Fortschrittsglaube noch stark und inspirierend war, hatten wir wenigstens noch eine Zukunft: alles wird besser. Wir arbeiten dran. Wir sind unsere Zukunft, wir sind die Träger unserer eigenen Hoffnung. Aber dieses Perpetuum Mobile funktioniert nicht wirklich. Jetzt blicken wir skeptisch in die Zukunft. Wir sind verunsichert, hängen irgendwie im Nichts. Wir sind die Generation Angst.

Wir brauchen Wurzeln. Wir brauchen Weisheit. Und wir brauchen eine alternative Geschichte für die Zukunft des Menschen und dieses Planeten. Nur so können wir unsere Seele im Jetzt und Hier verorten. Die alten Fragen blieben ungeklärt: Wer sind wir? Wo kommen wir her? Und: Wo geht die Reise hin? Der Zeitgeist gibt uns keine würdige Antwort auf die Frage nach unserer Bestimmung.

Dieses spirituelle Vakuum hat etwas Unerwartetes bewirkt: eine Bereitschaft, den Stimmen der Väter doch wieder unsere Ohren zu schenken. In „The Rebirth of Orthodoxy“ schreibt der Theologe Thomas Oden:

„In grellem Kontrast zur Unfähigkeit des aufgebrauchten Säkularismus steht ein aufkommendes Hoffen auf tiefe, geistliche Wurzeln. Tief in der Geschichte verwurzelt zu sein. Suchende Christen und Juden heute haben ein leidenschaftliches Verlangen nach einem sorgfältigen und zuverlässigen Erinnern an historische Weisheit. Sie haben eine Leidenschaft nach Wurzeln, ein Sehnen nach Tiefe, einen Hunger nach Verständigkeit, ein Verlangen nach Tradition. Dies ist die Wiedergeburt, von der wir wissen, dass sie im Moment geschieht.“

„Das einzig wirksame Gegenmittel“ gegen das, was C. S. Lewis ‘chronological snobbery’ nannte („die unkritische Annahme, dass alles, was nicht mehr aktuell ist, deswegen automatisch abzulehnen sei“), „ist, die frische Meeresluft vergangener Jahrhunderte durch unseren Verstand wehen zu lassen.“ (Lewis) Wir glauben, dass wir die wichtigen Antworten in der Vergangenheit finden können.

 

Konkret: Wir sehen uns als kleinen Teil von Gottes langer Geschichte mit den Menschen. Wir sind kein neues Phänomen. Deswegen wertschätzen wir die Weisheit, die von Juden und Christen seit Tausenden von Jahren bewahrt und weitergegeben wurde. Wir wollen Christsein nicht neu erfinden. Wir wollen keinen neuen Beitrag leisten. Wir wollen der Vergangenheit zuhören, und die Relevanz des Alten wiederentdecken (Kirchenkalender, alte christliche Praktiken, Traditionen und Gottesdienstformen).

Außerdem glauben wir, dass die Frage, was inhaltlich zum christlichen Glauben gehört, bereits vor langer Zeit von den Kirchenvätern geklärt worden ist. Daher sehen wir das Apostolische Glaubensbekenntnis als das Herzstück des Glaubens, an dem wir festhalten, und den wir weitergeben möchten.

Anbetung ist natürlich mehr als Musik. Aber in diesem Artikel beziehe ich mich auf die Lieder, die in einem Gottesdienst zu Gott und für Gott gesungen werden. Es ist möglich, diese Zeit über- oder unter zu bewerten. Manche Christen erhoffen sich von dieser Zeit eine Abkürzung zur persönlichen Heiligkeit. Für andere hat das ‘Lieder Singen’ zwar einen traditionellen Platz in jedem Gottesdienst, ist aber überhaupt nicht mit ihrem Alltag verbunden und kommt nicht von Herzen.

Christen haben schon immer gesungen. Aber was macht eine ‘gute’ Anbetungszeit aus? Worum sollte es dabei gehen?

Himmel trifft Erde

In der Anbetung geht es primär um Gott, dann um die gläubigen Menschen, die zu ihm singen und als drittes auch um die nicht gläubigen Beobachter und Zuhörer. Alle drei Aspekte, und ihre Reihenfolge, sind wichtig.

  1. Gott ist das Zentrum der Anbetung.

Und als Salomo zu Ende gebetet hatte, da fuhr das Feuer vom Himmel herab und verzehrte das Brandopfer und die Schlachtopfer. Und die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus. Und die Priester konnten nicht in das Haus des HERRN hineingehen, denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus des HERRN.“ (2. Chronik 7,1-2)

Christen singen zur Anbetung Gottes. Seine Gegenwart und sein Charakter werden durch Lieder anerkannt. Weil es um Gott geht, sollte er in den Liedern Priorität haben. Anbetung muss Gott-zentriert sein. Seine ewigen Eigenschaften sind wichtiger als unsere menschlichen, möglichen Reaktionen darauf. Lieder sollen ihn beschreiben, und dabei durch theologische Tiefe, Bilder und Symbole den Verstand und die Vorstellungskraft ansprechen. Intelligent und transzendent sein. Eine Anbetungszeit, in der wir nichts über Gott gelernt haben, und in der wir nicht inspiriert wurden, uns ihn so vorzustellen, wie er tatsächlich ist, ist oberflächlich.

Tendenziell sind alte Kirchenlieder inhaltlich wesentlich gehaltvoller (obwohl in den letzten Jahren einige fantastische Lieder geschrieben wurden!). Moderner Worship hat leider eher Hit-Qualitäten, schafft aber kein Erbe für zukünftige Generationen von Anbetern. Passend zu unserer westlichen Konsumgesellschaft, haben viele Lieder einen eher schnelllebigen Charakter. Um das zu ändern, müssen Anbetungsleiter alles daran geben, gute Laientheologen zu sein, die nicht nur mit all ihrem Verstand, sondern auch mit all ihrer Vorstellungskraft versuchen, Gott zu erfassen. Sie sollen wie ein Schatzmeister sein, der aus der Schatzkammer alte und neue Schätze hervorzaubern kann.

Um Gott musikalisch ins Zentrum zu stellen, braucht es musikalische Qualität und Stilrichtungen, die Gottes Eigenschaften vermitteln: die sanfte Liebe Gottes, seine Eifersucht, seine Erhabenheit, seine Schönheit (Ästhetik), seine Majestät, seinen Zorn, seine Kraft, seine Freude, sein weiches Herz – all das (und mehr!) kann durch Musik ausgedrückt werden. Gute Anbetung strebt dieses Ziel an.

  1. Gottes Gemeinde singt zu ihm

Heavenly fire only resides on an altar made from the ground.“ (Matisyahu)

Gott ist das Zentrum der Anbetung. Aber Gott geht es um den Menschen. Wie sieht die menschliche Seite aus? Für eine echte Begegnung mit Gott muss man genauso kommen wie man ist. Warum? Weil Gott Heuchelei hasst – besonders religiöses Getue, Klischees und falsche Frömmigkeit. Deswegen muss Anbetung ganzheitlich und authentisch sein. Im Liederbuch der Bibel, den Psalmen, kommt genau das zum Ausdruck. Die Psalmen sind in gewöhnlicher Sprache verfasst. Manche sind poetisch, künstlerisch, romantisch. Aber nie kompliziert oder theoretisch. Sie sind voller Emotionen, aber ohne seichte Sentimentalität. In ihnen kommen alle menschlichen Emotionen zum Ausdruck: Freude, Trauer, Enttäuschung, Wut, Fassungslosigkeit und Hoffnung.

In einem Gottesdienst werden – je nach Größe – fast alle dieser Emotionen repräsentiert sein. Als Glaubensfamilie haben wir den Auftrag, nicht nur auf uns zu schauen, sondern auch auf die Anderen. Wir sollen uns mit denen freuen, die fröhlich sind, und mit denen trauern, die traurig sind. Um das auch in der Anbetungszeit umzusetzen, bräuchte es Lieder, in denen inhaltlich und musikalisch die gesamte Bandbreite menschlicher Gefühle und Gedanken Ausdruck finden. Statt dessen sind ein Großteil der Anbetungslieder romantische Liebeslieder, in denen wir unsere stark empfundene Liebe zu Gott beteuern. Aus irgendeinem Grund meinen wir, dass Anbetung immer in diese Richtung gehen muss.

Mein Problem damit ist vor Allem, dass so eine Kluft zwischen Alltagsrealität und dem Gottesdienst geschaffen wird. Gerade Menschen, die Gott ernst nehmen, kämpfen mit Widersprüchen, Verletzungen, Enttäuschungen, sind nicht immer froh und verliebt, sondern auch wütend (auch auf Gott!), oder gleichgültig. Wo sind die Lieder, in denen wir das vor Gott zum Ausdruck bringen – uns vor ihm auskotzen können? Unsere Leben als Nachfolger von Jesus sind keine seichte Liebesschnulze. Warum tun wir mit unseren Liedern dann so als ob? Ich stelle mir vor, dass das für Gott sehr unbefriedigend sein muss. Wir brauchen Lieder, in denen wir singen, was wir wirklich denken und fühlen. Und auch hier wieder Musikrichtungen und musikalische Elemente, die uns helfen, das zu vermitteln, was sich in uns abspielt. So können wir den Höhenunterschied zwischen Anbetungszeit und Alltäglichkeit einebnen. Und die frommen Schuldgefühle, die durch diese Diskrepanz entstehen, können endlich beseitigt werden. Sie haben uns schon lange genug entmutigt.

Authentische Anbetung im Gottesdienst würde uns helfen, den Alltag zu heiligen. Wir singen dann Sonntags als die Menschen, die wir Werktags sind. Direkt nach Paulus’ Aufforderung „Singt Psalmen, Lobgesänge und von Gottes Geist eingegebene Lieder; singt sie dankbar und aus tiefstem Herzen zur Ehre Gottes.“ schreibt er „Alles, was ihr sagt, und alles, was ihr tut, soll im Namen von Jesus, dem Herrn, geschehen, und dankt dabei Gott, dem Vater, durch ihn.“ (Kolosser 3,16b-17) Beides gehört in einen Atemzug – in das gleiche Lied.

Diese Anbetungsleiter müssten dann pastoral begabt sein. Sie bräuchten den Kontakt zur anbetenden Gemeinde, müssten wissen, was die Menschen bewegt, müssten den Alltag und die Schicksale der Einzelnen kennen.

  1. Wir werden beobachtet…

Heißt es nicht in der Schrift: ›Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein für alle Völker‹?“ (Jesus bei der Reinigung des Vorhofs der Heiden; Markus 11,17)

Die musikalische Anbetung Gottes hat immer auch missionarischen Charakter. Da ist Gott im Mittelpunkt, da sind Menschen, die sich um ihn herum versammeln, eine echte Begegnung zwischen diesem Gott und seinen Menschen. Und dann sind da die Zuschauer. In den prophetischen Visionen alttestamentlicher Propheten vom kommenden Friedensreich des Messias ist das ein Thema, das immer wieder auftaucht: die Nationen werden nach Zion kommen, um dabei zu sein, wie das Volk Gottes anbetet – und um daran Teil zu haben.

In „Worship by the Book“ schreibt Tim Keller:

Israel war dazu berufen, die ungläubigen Nationen mit Gott bekannt zu machen indem sie sein Lob sangen. Der Tempel sollte das Zentrum einer die Welt gewinnenden Anbetung [„world-winning-worship“] sein. Das Volk Gottes betete nicht nur vor dem Herrn, sondern auch vor den Nationen an. Gott sollte vor allen Nationen gepriesen werden. Dazu gehörte, dass die Nationen eingeladen wurden, mitzusingen. (…)

Trotz dieser biblischen Ermahnungen leiten Prediger und andere Leiter einen Gottesdienst normalerweise, als ob keine Nichtchristen anwesend wären. Das führt dann dazu, dass Christen sich gar nicht erst vorstellen können, mal einen nichtchristlichen Freund mitzubringen. (…)

Ein Mangel an Einfachheit (besonders Sentimentalität) oder ein Mangel an Transzendenz (besonders Mittelmäßigkeit) werden Nichtchristen langweilen, verwirren oder kränken. Zielt ein Gottesdienst auf der anderen Seite einzig und allein darauf ab, evangelistisch zu sein, werden die Herzen der Christen nicht mit einbezogen, … Nichtchristen werden so keine Menschen sehen, die durch herrlichen Lobpreis geformt und getragen werden.

Fazit: Zielt der Sonntagsgottesdienst hauptsächlich auf Evangelisation ab, wird er die Gläubigen langweilen. Geht es nur um Erbauung, fehlt den Nichtchristen der Zugang. Richtet er sich aber darauf aus, den Gott, der aus Gnade rettet zu preisen, werden gleichzeitig die ‘Insider’ etwas lernen und die Außenseiter herausgefordert werden. Gute, gemeinschaftliche Anbetung wird natürlicherweise evangelistisch sein.“

Anbetungszeiten müssen also vor dem Hintergrund geplant werden, dass in einem Gottesdienst eigentlich immer Gläubige und Nichtgläubige anwesend sind – ohne sich dann bei der Planung diese Spannung einseitig aufzulösen. Die Gemeinde Gottes singt in Gegenwart der nicht gläubigen Zuhörer Gottes Lob. Eine gesunde Herausforderung! Die praktischen Konsequenzen deutet Keller bereits an. Wir wollen einladend sein, ohne unsere Identität als anbetendes Gottesvolk zu verlieren.

Eine Anbetung, die Gott zum Zentrum hat, in die Menschen wirklich mit hineingenommen werden, die einladend für Außenstehende ist. Das ist meine Vision für Anbetung.

Das City Mentoring Programm besteht aus drei Phasen. In der ersten Phase, der Schnupper- bzw. Vorbereitungsphase trifft man sich über einen Zeitraum von ca. einem dreiviertel Jahr regelmäßig mit anderen Interessierten und einem CMP-Mentor, um unter Zuhilfenahme des Gemeindegründungshandbuchs von Tim Keller über Gemeindegründung in der Stadt zu sprechen. Gemeinsam wird Gottes Herz für die Stadt, und sein Wille für das eigene Leben gesucht. In der zweiten Phase durchläuft man ein Praktikum in einer städtischen Gemeindegründung, um dann in der dritten Phase selber als Gründer bzw. Teammitglied ein neues Projekt zu starten (Alles begleitet von einem erfahrenen Gemeindegründer als Mentor).

Letztes Jahr haben wir bei Stephen Beck unsere Phase 1 erlebt. Es war eine sehr gute und hilfreiche Zeit. Jetzt freuen wir uns, dass wir am 21. Oktober ein Phase 1-Treffen bei uns zu Hause anfangen werden. Zusammen mit meinem Mentor, Jason Holm vom KölnProjekt, werde ich diese Treffen leiten. Diese Zeit soll für diejenigen da sein, die sich generell für das Thema interessieren oder begeistern – aber natürlich auch besonders für solche, die sich überlegen, ob sie nicht mit uns zusammen hier in Köln Gemeinde gründen wollen.

Die ersten drei Monate meines Gemeindegründer-Praktikums beim KölnProjekt sind bereits vorbei. Es macht Spaß und wir sind dankbar dafür, mit Jason und dem Team zusammen arbeiten zu dürfen. Gerade weil das KP so ein außergewöhnliches und interessantes Vorhaben ist, ist es eine bereichernde Erfahrung. Wir lernen viel, bekommen viel Inspiriation und Denkanstöße. Dadurch wird unsere Vision für soulfire geschärft. Außerdem merken wir, dass die Zeit wie im Fluge vergehen wird – in wenigen Monaten werden wir bereits die ersten Vorbereitungstreffen haben können! Wir sind voller Vorfreude und Spannung darauf, dass der Startschuss irgendwann fällt…

Veränderungen stehen ins Haus! Hier ein Auszug aus unserer letzten Infomail an unsere Unterstützer:

„Wir sind ja Teil eines Gemeindegründungsnetzwerks, CMP (City Mentoring Programm). Vor einiger Zeit sind wir auf CMP zugegangen, um mehr Ressourcen und Begleitung für unseren Weg als Großstadt-Gemeindegründer zu bekommen. Das City Mentoring Programm besteht aus 3 Phasen: die Schnupperphase, einem Praktikum bei einer Großstadtgemeindegründung und dem selber loslegen (als Gründer oder Teil eines Gründungsteams). Während dieser ganzen Zeit wird man geschult und durch einen Mentor begleitet. Nach der ersten Phase findet ein Assessment statt, bei dem entschieden wird, ob jemand – nach Bewertung einiger CMP Leiter – für Gemeindegründung, speziell in Großstädten geeignet ist. Das Assessment unserer Phase 1-Gruppe fand Mitte Februar in Gießen statt. Wir wurden als fähig für Gemeindegründung eingestuft. Jedoch wurden wir dazu ermutigt, den ‘normalen’ Weg zu gehen. Das bedeutet konkret: ein Praktikum in einer Gemeindegründung hier in Köln. Das Praktikum wäre insgesamt 18 Monate lang, und wir würden als Teil vom Gründungsteam des Kölnprojekts mithelfen. In dem letzten Drittel dieser Zeit würde ich mich schon wieder auf unsere Gründungspläne konzentrieren können.

Hier sind die Aufgaben, die ich als Praktikant und Teil des Gründungsteams übernehmen werde: Hauskreis leiten; Straßenevangelisation; Gründungsteam-Meetings; gelegentlich predigen; Entdeckergruppe leiten (eine Art apologetischer Hauskreis für skeptische Nichtchristen); Networking; Teilnahme an verschiedenen regionalen und überregionalen Treffen von Pastoren und Gemeindegründern; gelegentlich Teilnahme an Schulungen zum Thema Gemeindegründung. Hinzu kommt die Vorbereitung auf unsere Gemeindegründung, die wir weiterführen können werden: Beten, Studieren, Schreiben.

Wir würden also das machen, wozu wir auch nach Köln ausgesandt worden sind, nur für das nächste Jahr nicht als hauptverantwortliche Leiter, sondern als Helfer. Dabei geht es ausdrücklich darum, auf unserem Weg weiterzugehen. Wir glauben, dass es aufgrund verschiedener persönlicher Gründe weise ist, diesen Rat von CMP und diese Möglichkeit als eine Bereicherung anzunehmen, und das Praktikum sofort zu beginnen.“

 

Für denjenigen, der Gott nicht kennt, wird die Welt zu einem seltsamen, verrückten, schmerzhaften Ort, und das Leben darin zu einer enttäuschenden und unschönen Sache. Wenn du das Studium von Gott außer Acht lässt, verurteilst du dich damit selbst dazu, mit verbundenen Augen durchs Leben zu stolpern, ohne zu wissen, wohin du gehst und was dich umgibt. Auf diese Weise kannst du dein Leben verschwenden und deine Seele verlieren.“ (J. I. Packer; „Gott erkennen“)

Augustinus

Was ist Theologie – und warum ist sie so wichtig?

1) Theologie ist universell. Theologie ist die Lehre von Gott. Dabei ist der Charakter Gottes (Wer/wie ist Gott?) der Ausgangspunkt. Aber die christliche Theologie umfasst nicht nur das Gottesbild, sondern auch das Menschenbild und die gesamte Weltanschauung der Bibel. Letztendlich beantwortet die Theologie alle Fragen danach, wie man als Christ denken und handeln sollte.

Viele Christen denken, Theologie sei nur was für Fachleute, manche halten sie sogar für schädlich. Der normale Christ, so die Überzeugung, brauche sich nicht den Kopf über theologische Fragen zu zerbrechen. Weil aber die Theologie, wie gesagt, alle wichtigen und großen Fragen des Glaubens bespricht, beruhen letztendlich alle Glaubensinhalte und -praktiken auf theologischen Überzeugungen. Deswegen läuft es in der Praxis dann darauf hinaus, dass der normale Christ es für ausreichend hält, bei einem sehr grundlegenden Wissen über die Aussagen der Bibel stehen zu bleiben.

In der Einleitung zu seinem Buch über Biblische Theologie trifft Charles Ryrie den Nagel auf den Kopf, indem er beobachtet:

Theologie betrifft jeden. Niemand kommt ohne Theologie aus. In gewissem Sinne ist jeder Mensch Theologe. Und gerade hier liegt das Problem. Es geht nicht darum, ob wir Laien- oder Berufstheologen sind. Problematisch ist es nur, ein unkundiger oder gedankenloser Theologe zu sein. Darum muss sich eigentlich jeder mit Theologie befassen.

Theologie bedeutet, über Gott nachzudenken und seine Erkenntnisse in Worte zu kleiden. [...] Grundsätzlich aber ist jedermann Theologe. Sogar der Atheist hat eine Theologie. Er denkt über Gott nach, leugnet seine Existenz und drückt dies manchmal in seinem Reden und in seinem Handeln aus.” (Charles C. Ryrie; “Die Bibel verstehen”)

Jeder ist – in gewissem Sinne – ein Theologe, und jeder hat eine Theologie. Deswegen hat Alister McGrath Recht. Er schreibt:

Wenn du keine gute Theologie hast, hast du eine schlechte Theologie.“ und „Schlechte Theologie richtet Schaden an.“

Theologie ist also eigentlich die gesamte christliche Lehre. Deswegen betrifft die Frage nach der Theologie jeden Christen. Sobald ich einen Christen frage, wie er in einem bestimmten Punkt denkt, bzw. was er in einem bestimmten Punkt glaubt, frage ich ihn nach seiner Theologie. Und die Frage ist, ob dieser Christ, gemessen an der Bibel, eine gute oder eine schlechte Theologie hat. Meine Theologie bestimmt mein Leben.

Alles, was wir als einzelne Christen und als Gemeinde tun, basiert auf Theologie, und rechtfertigt sich mit Theologie. Selbst, wenn man denkt „Wir machen das jetzt einfach mal so wie immer“, oder einfach aus dem Bauch heraus entscheidet, handelt man nach einer bestimmten theologischen Überzeugung – in dem Fall, dass Gott einen Menschen vor Allem durch Traditionen bzw. Gefühle leitet.

2) Theologie ist spirituell. Was wir im Bezug auf Gott glauben, wird unsere Beziehung mit ihm bestimmen. Alister McGrath schreibt: „Theologie ist Spiritualität.“ Laut Edward Farley ist Theologie „nicht bloß objektive Wissenschaft, sondern Gott persönlich zu kennen und mit den Dingen Gottes vertraut zu sein.“

Wenn das stimmt, müssen wir aufhören, Theologie bloß als Fachbereich der akademischen Welt einzuordnen. Statt dessen sollten wir sie als essentiellen Teil einer Gottesbeziehung sehen. Um eine gute Ehe zu führen, muss ich es als Teil meiner Lebensaufgabe sehen, meinen Partner immer besser kennenzulernen. Weil ich meinen Partner liebe, interessiert es mich, wie er ist, wie er denkt, warum er so handelt und empfindet, wie er es tut. Dabei ist der gemeinsam gelebte Alltag der Kontext für dieses ‘Studium’. Es wäre absurd, wenn ich keine Beziehung mit meinem Partner mehr leben könnte, weil ich so beschäftigt damit wäre, richtige Informationen über ihn zu sammeln. Eine lebendige Beziehung mit Gott durch Jesus Christus ist der Rahmen für meine Theologie.

Zwei Dinge tun also Not:

Zum einen ein ehrliches Eingeständnis der Verbindung zwischen Glauben und Handeln. Wir müssen reflektieren, um herauszufinden, nach welchen Überzeugungen wir tatsächlich leben, welche Theologie wir haben. Wir dürfen keine Angst davor haben, alles prüfend und selbstkritisch zu hinterfragen. Packer gebraucht den Begriff des „Theologisierens“. Damit meint er, dass wir alles gedanklich in Bezug zu Gott und den großen Themen der Bibel bringen, uns also immer fragen: Was sagt das über Gott aus? und: Passt das zu den Hauptaussagen der Heiligen Schrift?

Auf der anderen Seite müssen wir sehr aufpassen, dass wir unser Studium Gottes nicht in einem moralischen Vakuum betreiben. Wissen über Gott verpflichtet. Es soll nicht zur intellektuellen Befriedigung, sondern zur Heiligung dienen. Theologie ist Mittel zum Zweck. Sie ist dazu da, uns dazu zu befähigen, Gott so zu kennen, wie er gekannt werden will, und so für ihn zu leben, wie er das möchte: „Das Endziel der Weisung aber ist Liebe aus reinem Herzen und gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben.“ (1. Timotheus 1,5)

 

Theologie im persönlichen Leben

„Und es fragte einer von ihnen, ein Gesetzesgelehrter, und versuchte ihn und sprach: Lehrer, welches ist das größte Gebot im Gesetz? Er aber sprach zu ihm: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand.“ (Matthäus 22,35-37)

In dieser Begebenheit wird Jesus nach seiner Theologie gefragt: Worauf kommt es Gott letztendlich an? Jesus’ Antwort: Gott will, dass wir ihn mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzen Verstand lieben. Darauf läuft alles hinaus, darin kann man alles andere zusammenfassen.

Gott mit ganzem Herzen und ganzer Seele zu lieben, darüber wird in evangelikalen Kreisen relativ viel gesprochen. Erfahrungen mit Gott zu haben, sich ihm hinzugeben, von ihm verändert zu werden – das sind allgegenwärtige Themen. Vergleichsweise wenig spricht man davon, wie man Gott eigentlich mit ganzem Verstand lieben kann.

Gott mit unserem Verstand zu lieben bedeutet, dass wir ihn, das Objekt unserer Liebe, so gut wie möglich verstehen. Und genauso, wie Gott unser ganzes Herz will, möchte er auch unseren ganzen Verstand. D. h., wir sollen alle kognitiven Fähigkeiten dazu einsetzen, ihn zu erforschen: Wie ist er? Was will er? Wie denkt er?

Im freikirchlichen Bereich sind wir oft skeptisch dem Verstand gegenüber. Immerhin warnt uns die Bibel ja: „Vertraue von ganzem Herzen auf den Herrn und verlass dich nicht auf deinen Verstand.“ (Sprüche 3,5) Weil unser Verstand uns davon abrät, uns ganz auf Gott zu verlassen, halten wir ihn für ein generelles Hindernis in unserem Weg mit Gott.

Und der Verstand soll auch nicht auf dem Thron sitzen. Aber wir müssen aufpassen, dass wir nicht das Kind mit dem Badewasser ausschütten! Denn auch wenn der Verstand unser Gegner sein kann, wenn es darum geht, Gott zu vertrauen, sollte er eigentlich ein Werkzeug sein, dass wir einsetzen, um ihn mehr lieben zu können.

Luther schrieb, das ganze Leben des Christen solle eine ständige Umkehr sein. Das Wort, das im Neuen Testament mit „Buße tun“ übersetzt wird, bedeutet wörtlich übersetzt „Veränderung des Denkens“. Wir sollen also unser komplettes Leben u. a. damit beschäftigt sein, umdenken zu lernen.

Dadurch, dass wir uns mit Theologie befassen, werden Gewissen und Herz informiert und trainiert. Nur so können sie ihre Aufgabe erfüllen, Gottes Stimme in unserem Leben zu sein. Deswegen spricht Paulus von einer Erneuerung des Verstandes. Die ist notwendig, um für Jesus leben zu können. Weil wir als Sünder geboren werden, und kein Mensch von alleine so denkt wie Gott, müssen wir uns ständig schulen und korrigieren lassen.

 

Theologie in der Gemeinde

Welche Rolle sollte die Theologie in einer Gemeinde spielen? Im 1. Korintherbrief ermutigt Paulus die Christen in der Stadt Korinth: „Liebe Brüder, seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern seid Kinder, wenn es um Böses geht; im Verstehen aber seid vollkommen [od erwachsen].“ (14,20; LUT)

In diesem Kapitel geht es um die Frage, welche übernatürliche Gabe im Gottesdienst am wichtigsten ist. Paulus macht seine Antwort an der Nützlichkeit fest, also daran, welche Gabe am meisten geistlich bewirken kann. Die Korinther waren begeistert von der übernatürlichen Manifestation die Sprachengebet genannt wird. Dabei betet jemand in einer Sprache, die er selber nie gelernt hat, und die auch die anderen Gottesdienstbesucher nicht verstehen können (es sei denn, jemand anderes hat die übernatürliche Befähigung, das Gebetete zu übersetzen).

Paulus hält das Sprachengebet zwar für wichtig, aber nicht so sehr für den Gottesdienst. Für ihn war es wichtiger, dass die Menschen das Gesagte verstehen können. Deswegen spricht er sich für die Gabe der Prophetie (jemand gibt das spezifische Reden Gottes weiter und spricht Worte der Ermutigung, Ermahnung und des Trostes) aus. Man bemerke die Rolle, die in Paulus’ Theologie der Verstand einnahm! Lieber in einem Gottesdienst fünf Worte sagen, die Sinn machen, als 10.000, die den Verstand komplett umgehen – das nenne ich eine klare Position.

Diese Position bestätigt den Hauptweg, den Gott nimmt, um in einem Gottesdienst an den Menschen zu wirken: durch den Kopf ins Herz.

Theologie und Predigt

Ein gesundes Verständnis vom Wirken Gottes muss sich natürlich vor Allem an einem Ort bemerkbar machen: in der Kanzel. Der Großmeister der Kanzel, Charles Haddon Spurgeon bemerkte:

“Wortschwall ist leider oft das Feigenblatt, das theologische Unwissenheit verdecken muss; man bietet glänzende Satzgefüge anstatt gediegener Lehre und rednerische Floskeln anstatt kräftiger Gedanken.”

Oft haben wir Angst, die Menschen mit zu viel Inhalt zu erschlagen. Während dies natürlich auch ein Extrem ist, vor dem man sich als Prediger hüten muss, kann man auch auf der anderen Seite vom Pferd fallen, und die Schäfchen hungern lassen. Es ist die Hauptaufgabe des Predigers, die Menschen mit geistlicher Nahrung zu versorgen. Geistliche Nahrung besteht aus Theologie, oder wie Spurgeon es nennt: gediegene Lehre und kräftige Gedanken. Und unsere Befürchtungen, gerade junge Menschen abzuschrecken, scheinen unbegründet. In seinem Buch „Vintage Church“ schreibt Mark Driscoll, dass die Gemeinden am meisten wachsen und den jüngsten Altersdurchschnitt haben, in denen lange und gehaltvoll gepredigt wird.

Ein weiterer Sensei der Predigtkunst drückt mein Anliegen auf eine Weise aus, der nichts hinzuzufügen bleibt:

„Predigen, dass ist wenn Theologie durch einen Menschen kommt, der für Gott brennt.“ (Martyn Lloyd-Jones)

Theologie und Anbetungsmusik

Aber nicht nur die Kanzel, auch die Anbetungszeit einer Gemeinde leidet unter schlechter und schwacher Theologie. Das beginnt damit, dass manche Christen (vielleicht besonders in den Gemeinden, deren Anbetungsverständnis charismatisch geprägt ist) die Anbetungszeit viel zu hoch einschätzen.

Das wird in dem sichtbar, was wir beten, wenn wir Gott um eine gesegnete Anbetungszeit bitten wollen. Da beten wir darum, dass Gott den Anbetungsleiter oder die Lieder gebraucht, um uns vor seinen Thron/in seine Gegenwart zu bringen. Aber „wenn Musik uns in die Gegenwart Gottes bringen könnte, hätte Gott einen Musiker geschickt, und keinen Retter.“ (Vaughan Roberts) Der Anbetungsleiter ist kein Mittler zwischen Gott und den Menschen. Diese Stelle ist schon vergeben. Die Lieder sind auch nicht das Opfer, durch welches die Kluft zwischen uns und Gott überbrückt werden kann. Nur das Blut von Jesus konnte diese Brücke schlagen.

Und auch der theologische Inhalt unseres Liedguts ist relativ dünn und beschränkt sich auf (oft nicht zusammenhängende) Auflistungen von Titeln und Eigenschaften Gottes. Manche Lieder kommen mir so vor, als hätte jemand eine Software entwickelt, die nach dem Random-Prinzip Phrasen und Satzteile zusammenwürfelt und sich dabei nicht am Inhalt, sondern nur am Rhythmus orientiert. Oder wir singen Liebesbeteuerungen, die eigentlich nur in den schönsten und emotionalsten Momenten angebracht wären. Obwohl diese Lieder auch ihren Platz haben, macht es eigentlich mehr Sinn, über ewige, objektive Wahrheiten zu singen, anstatt über das, was diese Wahrheiten in einem Menschen auslösen können.

Fazit: Theologie ist wichtig, und sowohl unser persönliches Leben als auch das Gemeindeleben leidet darunter, wenn die Theologie nicht den Platz bekommt, den Gott für sie vorgesehen hat.

Bei der letzten Calvary Chapel Westeuropa-Pastorenkonferenz lehrte Falk Scissek, Pastor der CC Freiburg, über das Thema Freundschaft und Leiterschaft. Dabei betont er eine gesunde Beziehung der Leiter untereinander, und des einzelnen Leiters mit Jesus. Hier das übersetzte Predigtskript:

 

„(…) Ich möchte mir mit euch das Herz der Ältestenschaft anschauen. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Art und Weise, in der wir Ältestenschaft leben, einen riesengroßen Einfluss auf die Gemeinden haben wird, in denen wir als Pastoren berufen sind. Es wird sowohl die Atmosphäre für die Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft als auch das Gottesbild bestimmen. Ich möchte mir einen Abschnitt anschauen, der mich ganz stark inspiriert (…), 1. Petrusbrief, Kapitel 5, Verse 1-4:

 

Die Ältesten, die unter euch sind, ermahne ich als Mitältester und Zeuge der Leiden des Christus, aber auch als Teilhaber der Herrlichkeit, die geoffenbart werden soll: Hütet die Herde Gottes bei euch, indem ihr nicht gezwungen, sondern freiwillig Aufsicht übt, nicht nach schändlichem Gewinn strebend, sondern mit Hingabe, nicht als solche, die über das ihnen Zugewiesene herrschen, sondern indem ihr Vorbilder der Herde seid! Dann werdet ihr auch, wenn der oberste Hirte offenbar wird, den unverwelklichen Ehrenkranz empfangen. “ (SLT)

 

In seinem an mehrere Gemeinden in Kleinasien gerichteten Brief spricht Petrus spezifisch die Ältesten dieser Gemeinden an. Durch seinen offenen Brief lässt er die ganze Gemeinde ‘mithören’, was er den Ältesten zu sagen hat. Das erste, was uns an diesen Versen auffällt ist, dass Petrus sich offensichtlich nicht auf eine bestimmte Form von Gemeindeleitung konzentriert, sondern sich mehr mit Charakter und Einstellung der Leiter befasst.

 

Petrus spricht die Leiter als Älteste an, worin ein Hinweis auf die Qualifikationen eines Leiters liegt: nicht in erster Linie das Alter, sondern geistliche und soziale Reife. Dann spricht er davon, die Verantwortung der Aufsicht zu haben, wovon sich das Amt des ‘Aufsehers’ (oder Bischofs) ableitet. Und schließlich gebraucht er den Begriff Pastor, was lateinisch für ‘Hirte’ steht. Auf diese Weise erklärt er uns die Schwerpunkte in seinem Dienstverständnis: die uns anvertraute Herde zu leiten, sie geistlich zu ernähren und sie zu beschützen. Petrus gebraucht alle drei Begriffe, um die gleiche Gruppe von Ältesten zu beschreiben. Das gleiche Schema begegnet uns im ganzen Neuen Testament. Die Begriffe werden synonym verwendet, da das Neue Testament keinen Schwerpunkt auf die formelle Struktur oder Organisation einer Gemeinde legt.

 

Aus diesem Grund möchte ich das ebenfalls nicht tun, und mich statt dessen auf das Herz der Ältestenschaft konzentrieren. Dabei möchte ich ganz spezifisch zwei Aspekte aufgreifen: Wie sah Petrus sich selbst? Und: Wie sah Petrus Jesus?

 

Wie sah Petrus sich selbst?

Im ersten Teil von Vers 1 bezeichnet sich Petrus als einen Mitältesten. Das erstaunt mich, hätte er sich doch genauso gut als Apostel vorstellen können. Aber das tat er nicht. Er ist ein Mitältester. Er spricht auf Augenhöhe zu ihnen. Er lässt sie wissen: wir sind ebenbürtig, wir arbeiten zusammen, wir sind ein Team. (…) Wir brauchen Unterstützung, um die Last tragen zu können. Ein Ältestenteam macht es möglich, dass jeder gemäß seiner Gaben und Stärken dient, weil die Aufgaben entsprechend aufgeteilt werden können. Ich bin sehr dankbar, dass wir das in unserem Team so praktizieren: Oli konzentriert sich darauf, in den Einzelnen zu investieren, während ich mehr die Gemeinde als Ganzes im Blick habe. Oli hat die Gabe der Anbetungsleitung und ist prophetisch begabt. Kuno ist ein praktisch veranlagter Mann, der die Weisheit eines Vaters von erwachsenen Kindern mitbringt – der Richtige für den Bereich Jüngerschaft. Was für eine Chance, sich so gegenseitig in unseren Begabungen und Persönlichkeiten ergänzen zu können!

 

Es ermöglicht auch, dass wir uns in unseren Schwächen ausgleichen können. Ohne das jetzt namentlich zuzuordnen, aber einer von uns geht gerne vorwärts und hat kein Problem damit, im Nachhinein die Pläne zu revidieren oder notfalls zuzugeben, dass es wohl doch nicht Gottes Führung war. Ein anderer ist mehr der Analytiker und Organisierer. Ihm fällt es schwer, außerhalb eines Plans zu funktionieren. Wieder ein anderer sitzt gerne einfach zu Jesu Füßen und braucht etwas Ermutigung, um tatsächlich in Bewegung zu kommen. In unseren wöchentlichen Treffen, in denen wir über die anstehenden Themen sprechen und beten, kommen diese Schwächen auch zum Tragen, und wir können sie für einander ausgleichen.

 

(…) Manchmal bleiben wir an einer Frage hängen. Dann sagen wir uns: Kommt, wir gehen nach Hause, suchen Gott, sprechen mit unseren Frauen darüber, und machen dann nächste Woche weiter. Unsere Frauen sind ein essentieller Teil unseres Teams und wir schätzen ihre Perspektiven und Einsichten sehr.

 

Ein gut funktionierendes Ältestenteam macht den Dienst effizienter und effektiver. Da bin ich mir sicher. Aber ich glaube auch, dass es noch eine tiefere Ebene gibt. Sachen zu erledigen ist nicht das Wichtigste. Daran muss ich mich ständig erinnern, weil ich gerne Dinge als erledigt abhake. Auf dem Hintergrund einer sich entwickelnden Gemeinde fasziniert mich die Art und Weise, wie Petrus seine Mitältesten anspricht: Ich ermahne euch, ich appelliere an euch. Das Verb, welches hier gebraucht wird, bedeutet, jemanden herbeizurufen, oder an jemandes Seite zu kommen, jemanden einzuladen, zu ersuchen, anzuflehen, oder an anderen Stellen sogar zu trösten. Petrus sagte nicht zu den anderen Ältesten: ‘Kommt, folgt mir nach’, noch sagte er ‘Kommt, wir können das besser’, oder ‘Wir teilen uns alle auf und jeder macht das, was er am Besten kann’. Nein, er sagt: ‘Kommt an meine Seite. Kommt nah an mich heran’.

 

Das erinnert mich an das, was Jesus zu seinen Jüngern sagte: ‘Ich nenne euch nicht mehr Diener’. Was sagte er dann? ‘Ich nenne euch Angestellte’? Oder sogar ‘Ich nenne euch Kollegen’. Nein! Er sagte ‘Ich nenne euch Freunde’. Jesus hatte keine professionelle Seite. Er hielt niemanden auf Distanz. Und das, obwohl es, wenn irgendwo, dann in der Beziehung zwischen dem Gottessohn Jesus und sündhaften Menschen angemessen gewesen wäre. Zwischen beiden liegt von Natur aus eine riesige Kluft. Aber Jesus hat sie überbrückt. Er kam uns nahe. Jesus wurde völlig Mensch und ließ es zu, dass die Jünger Seite an Seite mit ihm gingen. Er nahm Petrus, Jakobus und Johannes sowohl mit auf den Berg der Verklärung als auch in den Garten Gethsemane – sowohl die herrlichen, als auch die hässlichen Seiten des Dienstes (…).

 

Wenn Gott selbst das in Jesus getan hat, sollte es da nicht erst recht auch für uns natürlich sein? Wir müssen folgendes begreifen: In Menschen zu investieren ist kein Mechanismus zum Gemeindewachstum. Jüngerschaft ist nicht einfach eine professionelle Methode, um ein Ziel zu erreichen. In der Vorbereitung auf diese Predigt hat Gott mich überführt, dass ich zu sehr der Boss bin, zu sehr der professionelle Kollege, und nicht genug der Freund. Sind eure Ältesten eure Nachfolger, Diener, Kollegen oder sind sie eure Freunde? (…)

 

Ich möchte gerne in einer tieferen, geistlichen Gemeinschaft mit meinen Mitältesten leben, auf eine Weise, die Jesu Charakter und die Art, wie er seine Jünger, seine Freunde behandelte, widerspiegelt. Ich sehe meine Rolle als Ersten unter Gleichen, mit einer besonderen Leitungsverantwortung. Aber ich will meine Mitältesten als Freunde an meiner Seite sehen, und sie nicht hinter mir herschleifen müssen. Und das ist es, was Petrus getan hat. Er sah sich selbst als jemanden, der mit seinen Mitältesten auf Augenhöhe stand. Auch wenn er es als seine Verpflichtung sah, die Initiative zu ergreifen, und seine Freunde an seine Seite zu rufen. Manchmal haben wir Angst, dass wir Respekt verlieren, wenn wir uns auf eine Freundschaft einlassen. Ich glaube, dass muss nicht passieren, und Jesus ist auch darin unser Vorbild. Petrus ebenso. Er ruft sie an seine Seite und spricht in ihre Leben hinein.

 

Es stimmt: Den Leuten ist es egal, wie viel du weißt, es sei denn, sie wissen, dass sie dir nicht egal sind. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Art von Beziehung, welche die Ältesten miteinander leben, in großem Maße die Atmosphäre der Gemeinde bestimmen wird. Ihr werdet zum Vorbild – sei es für Konkurrenzdenken und Misstrauen oder für Liebe und herzliche Gemeinschaft, abhängig davon, ob es professioneller Dienst ist, oder ein Dienen von Herzen.

 

Und ich möchte noch einen weiteren Aspekt nennen, der die Gemeinschaft der Ältesten untereinander unersetzlich macht: Rechenschaft. Manchmal höre ich Beschwerden darüber, dass es an der Spitze, in einer leitenden Position, so einsam sei. Ich verstehe, was damit gemeint ist. Aber wir müssen uns fragen, ob das Problem nicht bis zu einem gewissen Grade hausgemacht ist. Wenn wir einen Platz oben auf der Pyramide einnehmen, sollten wir uns nicht wundern, dass da keiner mehr neben uns sitzt. (…)

 

Mit wem stehst du auf Augenhöhe? Wer tritt dir entgegen? Besonders bei den ernsteren Dingen wie Charakterschwächen – wenn du vielleicht eine Person in der Gemeinde unfreundlich behandelt hast? (…) Ich brauche diese Herausforderung. Außerdem: haben wir keine Ältesten, die diesen Job übernehmen, werden sich unsere Frauen dafür verantwortlich fühlen. Aber wenn das der einzige Weg ist, um zu dir durchzudringen, um dir als Leiter Feedback zu geben, wird das die Ehe stark belasten. Es wird darauf hinauslaufen, dass sich alle Leute mit ihren unterschwelligen Botschaften für den Pastor an dessen Ehefrau wenden werden. Es ist ein großer Segen, ein funktionierendes Ältestenteam haben zu können: die Ältesten treten mir auf den Schlips. So liegt der Druck, mich mit meinen Fehlern korrigieren zu müssen, nicht auf meiner Frau. Die ist nämlich bereits ohne diese dienstlichen Probleme schon ausgelastet.

 

Wie sah Petrus Jesus?

Das erste, was wir uns angeschaut haben, war also Petrus’ Selbstverständnis. Als Mitältester, als Erster unter Gleichen, der andere als Freunde an seiner Seite haben wollte, die nicht nur den Dienst, sondern das Leben miteinander teilten. Damit bestimmte er die Atmosphäre für die Beziehungen in der Gemeinde, und legte die Grundlage für die Rechenschaft, die wir alle nötig haben.

 

Nun wollen wir uns damit auseinander setzen, wie Petrus Jesus sieht. Und auch das hat mit Ältestenschaft zu tun, weil es dabei auch darum geht, darauf zu achten, dass Jesus den Platz in der Gemeinde hat, der ihm gebührt. In Vers 4 nennt er Jesus den obersten Hirten. Wahrscheinlich erinnert er sich daran, dass Jesus sich selbst als guten Hirten bezeichnet hatte (Johannesevangelium, Kapitel 10). Um Jesus von allen anderen Ältesten abzuheben, fügt er das Wort ‘oberster’ hinzu. Jesus ist der Oberhirte, nicht bloß einer der Hirten. Begreifen wir das? Leben wir danach? Reflektiert sich das in unserer Gemeindestruktur, unseren Dienste, und in den Titeln, die wir einander geben?

 

Ihr wisst, dass das Wort ‘Pastor’ ‘Hirte’ bedeutet. Jemand wies mich darauf hin, dass ‘oberster’ auch ‘Haupt-’ übersetzt werden kann. Eine mögliche Übersetzung des Titels ‘Oberhirte’ wäre demnach ‘Hauptpastor’ [od.: 'leitender Pastor']. Das ist einer der Titel, die Jesus in der Bibel bekommt. Das hat mich – ehrlich gesagt – ziemlich getroffen. Und ich habe die Verwendung von Titeln überdenken müssen. Trotz alledem ist mir klar, dass es nicht um Titel und Bezeichnungen, sondern um das Herz geht. (…)

 

Es ist mein Herzenswunsch, dass die Menschen in unserer Gemeinde verstehen, wer wir vor Gott sind. Die Gemeinde wird mit einem Körper verglichen, und der Kopf dieses Körpers ist: der leitende Pastor, Jesus! Wir müssen irgendwie versuchen, dieses Denken aus unseren Köpfen zu verbannen, dass es unsere Gemeinde ist, als besäßen wir sie. Macht korrumpiert. Wir sind unserer sündhaften Natur gegenüber nicht immun, sie kann uns beherrschen. Es ist der Stolz, der sich einschleicht. Wir müssen mit der Macht, die wir haben, so vorsichtig sein! Ich weiß, dass es sich gut anfühlt, wenn man das Sagen hat, wenn die Menschen zu einem hochschauen. Es füttert mein Ego, wenn ich bestimmen kann. Aber es ist falsch. Es ist nicht meine Gemeinde, sondern die von Jesus. Er bestimmt, er ist der leitende Pastor, er gibt die Richtung an, wir folgen. Dazu brauchen wir Rechenschaft, die ein funktionierendes Team von Ältesten bieten, und bei der sie auf sehr praktische Weise helfen kann. Die Leiterschaft mit anderen Ältesten zu teilen nimmt der zentralen Stellung das Prestige. In unserer Gemeinde stehe ich trotzdem noch häufiger auf der Bühne als die anderen Ältesten, weil Gott mir die Gabe des Lehrens und der Leitung gegeben hat. Aber ich übernehme nicht die ganze Lehrtätigkeit. Ungefähr jeden dritten Sonntag lehrt jemand Anderes. Und ich leite nicht in jedem Bereich. Jeder Älteste ist für einen bestimmten Dienstsektor, über den er die Aufsicht hat, verantwortlich. Ich bin Erster unter Gleichen, aber ich bin nicht bei Allem der Erste. Wenn es darum geht, Leute zu konfrontieren, ist Kuno der Erste. Wenn es darum geht, für die Kranken zu beten, ist Oli der Erste. Das hat sich einfach ganz natürlich so ergeben, indem wir uns immer besser kennenlernten. Es ist mein Gebet, dass die Art und Weise, in der wir miteinander arbeiten, für den Rest der Gemeinde eine Inspiration dafür sein kann, als Körper mit den verschiedenen Gaben und Rollen unter der Leitung von Jesus Christus zu funktioneren.

 

Einen letzten Gedanken: Worauf letztendlich alles hinausläuft, ist, dass wir in erster Linie nicht Hirten, sondern Schafe sind. Das ist ein Schlüssel. Das ‘Schaf Sein’ lassen wir nie abgeschlossen hinter uns, um dann dazu überzugehen, Hirte zu sein. Genau genommen können wir keine Hirten sein, wenn wir nicht die Schafe Jesu sind.

 

Einen letzten Vers aus dem selben Brief:

 

Denn ihr wart wie Schafe, die in die Irre gehen; jetzt aber habt ihr euch bekehrt zu dem Hirten und Hüter eurer Seelen.“ (2,25; SLT)

 

Damit sind wir alle gemeint. Wir sind die Schafe, die in die Irre gingen. Und wir wurden zurück in seine Herde gebracht. In seiner Gnade hat er uns zurück gebracht, in seiner Gnade macht er uns zu Hirten an seiner Statt, um so seinen Charakter an den Tag zu legen und Menschen auf ihn zu verweisen. Aber in all dem bleiben wir seine Schafe. Kann es einen besseren Trost geben, als dass wir wissen können, dass wir einen Oberhirten haben? Wenn wir leiten, so müssen wir uns nicht eine Richtung ausdenken, sondern wir folgen unserem Herrn nach. Wenn wir dienen, müssen wir nicht auf das bauen, was wir herausgefunden haben, sondern wir haben die Wahrheit von Gottes Wort und das Zeugnis seines Geists. Und wir brauchen die Herde nicht in eigener Kraft zu beschützen, sondern in der Stärke, mit der Gott versorgt. Möge das durch unseren Leitungsstil, gemeinsam mit den Ältesten, unter der Leitung von Jesus, sichtbar werden.

 

 

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