Archiv der Kategorie: Kernwerte

Glaube, Liebe, Stadt. (Teil 1)

Bevor wir am 21. Oktober offiziell an den Start gehen, laufen im Moment noch ein paar ‚Testgottesdienste‘, in denen wir erst Mal für uns bleiben, um am Gottesdienstablauf usw. noch arbeiten zu können.

In den Testgottesdiensten haben wir eine kurze Predigtreihe zu unserem Motto „Glaube, Liebe, Stadt“. Hier der erste Teil: Glaube in der Stadt.

Und dazu noch das Predigtskript als PDF-download.


Gnade für Alle!

Gott lässt die Sonne über Gute und Böse scheinen und gibt den Regen den Gerechten und den Ungerechten. Er sendet fruchtbare Zeiten und schenkt Vieles, das dem allgemeinen Wohlergehen der Menschheit zuträglich ist. Zu den häufigsten Segnungen, die man zu dieser Quelle zurückverfolgen kann, zählen Gesundheit, materieller Wohlstand, allgemeine Intelligenz, Begabungen in den Bereichen der Kunst, der Musik, der Redekunst, der Architektur, des Handels und der Erfindungen. (…)

Die Allgemeine Gnade ist der Ursprung aller Ordnung, Kultiviertheit, Kultur, allgemeiner Tugend usw. in der Welt. Durch diese Dinge übt die Wahrheit verstärkt ihre moralische Kraft auf Herz und Gewissen der Menschen aus, und hält so deren böse Leidenschaften in Schach. Diese Gnade führt nicht zur Erlösung, ist aber der Grund, weshalb unsere Erde noch nicht zur Hölle geworden ist.“ (Loraine Boettner)

Gottes Segnungen sind überall, an den unterschiedlichsten und auch unwahrscheinlichsten Orten, anzutreffen. Diese Tatsache nennen Theologen ‚Allgemeine Gnade‘. ‚Allgemein‘, weil sie für alle Menschen da ist. ‚Gnade‘, weil Gott nicht darauf schaut, wer mehr oder wer weniger Segnungen verdient hätte. Er verteilt freigiebig, großzügig, an Gute und an Böse gleichermaßen.

Für uns als Gemeindegründung ist es wichtig, Allgemeine Gnade zu verstehen, und sie auf die Bereiche Kunst, Kultur und Musik anzuwenden. Warum?

Die Lehre von der allgemeinen Gnade hilft uns, Gottes Güte in der ganzen Schöpfung anzuerkennen, und befähigt uns, in einer gefallenen Welt missionarisch zu sein.“ (Tim Keller)

Gottes Güte in der ganzen Schöpfung anerkennen: Wenn der Mensch künstlerisch aktiv ist, spiegelt er damit (ob er will oder nicht) seinen Schöpfer wieder – Gott wird sichtbar. In der Kunst sehen wir Spuren von Gottes Weisheit, Schönheit und Wahrheit. Wir erleben transzendente Augenblicke wenn wir z. B. vom Anblick eines Gemäldes oder beim Hören eines Musikstücks sprachlos und überwältigt sind. Zurecht nennen wir solche Erfahrungen ‚göttlich‘. Paulus schreibt im Bezug auf das Essen: „Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.“ (1. Tim4,4-5LUT)  Gottes Güte wird in der ganzen Schöpfung sichtbar – das sollte uns dankbar machen und in uns Liebe zu Gott inspirieren.

In einer gefallenen Welt missionarisch sein: Um unsere Mitmenschen zu lieben, müssen wir sie verstehen. Kunst, Kultur und Musik sind der Schlüssel zu diesem Verständnis. Sie sagen nicht nur etwas über die Künstler selbst, sondern drücken auch immer den Zeitgeist aus (in der modernen Kunst z. B. Relativismus, Subjektivismus; in der postmodernen Kunst das Aufweichen aller Grenzen, Ängste, Unsicherheit, Zynismus, Romantik). Auch wenn wir vielleicht das Offensichtliche in der Kunst bevorzugen, und uns die Zerrissenheit, die offenen Fragen und Wunden unserer Umwelt irritieren oder verstören – wir müssen dieser Welt, die Gott liebt, in die Augen schauen.

Aber dann müssen wir uns auch überlegen, wie wir die Verbindung zum Evangelium herstellen können. Zum Beispiel das Motiv der Sehnsucht wie der Kirchenvater Augustinus als Sehnsucht nach Gott deuten. Oder in der Orientierungslosigkeit und Verunsicherung Symptome einer leidenden Gesellschaft sehen, die Gott heilen möchte. Eine missionale Gemeinde wird sich die Mühe machen, ihre Umwelt zu verstehen, und die Brücke zu ihr zu schlagen. ‚Allgemeine Gnade‘ hilft uns, nicht alles Nichtchristliche zu verteufeln, sondern Lernende und Brückenbauer zu sein.


Das Was und Warum der Liturgie

Christliche Gottesdienste können sehr unterschiedlich sein. Manche sind eher durchdacht und förmlich, andere eher spontan und informell. Um diese Unterschiede zu erklären unterteilt man oft in ‚liturgische‘ und ‚freie‘ Gottesdienste. Ich verstehe die Absicht dahinter, aber sprachlich gesehen ist es Unsinn, denn jeder Gottesdienst hat eine Liturgie.

Das Was

Liturgie bedeutet eigentlich nichts Anderes als die Gottesdienstordnung. Dabei spielen vor Allem drei Faktoren eine Rolle: Ort, Zeit und Ablauf. Sobald man in der Planung für einen Gottesdienst festlegt, wo man sich wann trifft, und was man dann wie und in welcher Reihenfolge tut, hat man eine Liturgie geschaffen.

Die verschiedenen Konfessionen, Traditionen und Denominationen haben in ihrer Liturgie auch unterschiedliche Riten. Selbst bei den ganz Freien und Spontanen werden zum Beispiel zum Gebet die Köpfe geneigt, die Hände gefaltet oder gehoben, die Augen geschlossen, und (je nach Grad der Amerikanisierung) das Gebet mit ‚in Jesu Namen‘ abgeschlossen. Beim Abendmahl liest man die Einsetzungsworte aus 1. Korinther 11. Selbst die halbstündige Worshipzeit ist Teil einer Liturgie aus der charismatischen Gemeindetradition. Jede Gemeinschaft entwickelt in ihrer Anbetung ihre eigenen Rituale und eigene Symbolik. Die Frage bei der Liturgie ist also nie, ob es sie gibt, sondern wie sie aussieht und was dahinter steht.

 

Das Warum

Bei Liturgie geht es nicht um Ästhetik – es geht um Theologie und um respektvolle Höflichkeit.“ (Eugene Peterson)

Im mosaischen Gesetz regelte Gott die Anbetung für sein Volk ziemlich detailliert. Dabei sollte sich Mose genau an die Vorgaben halten, die er gezeigt bekommen hatte. Die Liturgie der ersten Christen war in vielerlei Hinsicht einfach eine Fortführung der jüdischen Synagogengottesdienste. Die ‚liturgischen‘ Gottesdienste haben ihre Wurzeln also im Alten Testament und im Judentum zur Zeit von Jesus. Sie sind nicht – wie manche meinen – ein späteres Produkt einer geistlich toten und deswegen auf Äußerlichkeiten fixierten und institutionalisierten Staatskirche.

Das Neue Testament ist übersät mit Spuren der frühchristlichen Liturgie (Buchtipp zum Thema: Gottesdienst ist mehr von Thomas Schirrmacher). Aber eine Stelle ist besonders aufschlussreich: 1. Korinther 14.

Die Gemeinde in Korinth war sehr charismatisch – es gab viele übernatürliche Manifestationen von Gottes Gegenwart. Paulus ermutigt dazu, diese Gaben weiterhin zu suchen (12,31), und für das spontane Wirken des Heiligen Geistes offen zu bleiben, zu erwarten, dass Gott wirkt (14,5). Auf diesem Hintergrund macht er zwei Punkte, die helfen, das ‚Warum‘ einer durchdachten Liturgie zu beantworten.

  1. Liturgie spiegelt Gottes Wesen wieder – Gott ist kein Gott der Unordnung

Paulus rät nicht vom Sprachengebet ab, gibt aber konkrete Anweisungen: Nicht mehr als zwei oder drei, nacheinander, und nur mit Auslegung. Ähnlich beim prophetischen Reden: zwei oder drei, nacheinander, und nur mit Beurteilung. Für den Gottesdienst gilt: „Alles soll angemessen und ordentlich geschehen.“ (40) Seine theologische Begründung fasziniert: „Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens.“ (33) Für Paulus war es wichtig, dass die Gottesdienstordnung Gottes Wesen widerspiegelt. Klarheit, Übersichtlichkeit und Ordnung bringen Ruhe („Frieden“) in den Gottesdienst. Und das entsprach für Paulus dem Charakter Gottes mehr als das spontane Durcheinander der korinther Gemeinde.

  1. Liturgie ist hilfreich für Besucher – Liebe in den Mittelpunkt

Der alles entscheidende Faktor war für Paulus die Liebe. Das bekannte Kapitel 13 ist ein Plädoyer dafür, die Liebe in den Mittelpunkt eines Gottesdienstes zu stellen.

Liebe für die anderen Christen: „Aber in einer Gemeindeversammlung spreche ich lieber fünf verständliche Worte, die anderen helfen, als zehntausend Worte in einer anderen Sprache.“ (14,19) Nicht die persönliche Selbstverwirklichung und die eigene Freiheit sollen im Mittelpunkt stehen, sondern die Frage: Was hilft meinen Glaubensgeschwistern am ehesten weiter?

Liebe für Besucher: „Stellt euch nur einmal Folgendes vor: Ihr seid als ganze Gemeinde am selben Ort versammelt und fangt alle an, in Sprachen zu reden, ´die von Gott eingegeben sind`. Und nun kommen Leute dazu, die noch nicht viel oder noch gar nichts vom Glauben wissen. Werden sie nicht sagen: »Ihr seid verrückt!«? Und dann stellt euch vor, ihr alle verkündet prophetische Botschaften. Wenn jetzt jemand dazukommt, der vom Glauben nichts oder nicht viel weiß, macht alles, was ihr sagt, ihm bewusst, dass er ein Sünder ist. Durch alles, was er hört, sieht er sich zur Rechenschaft gezogen, und seine verborgensten Gedanken kommen ans Licht. Er wird sich niederwerfen, um Gott anzubeten, und wird ausrufen: »Gott ist wirklich in eurer Mitte!« (23-25; NGÜ) Paulus war seeker sensitive. Er machte sich darüber Gedanken, welche Reaktionen bei einem Nichtchristen durch das Verhalten von Christen im Gottesdienst hervorgerufen werden könnten. Eine durchdachte Liturgie macht es möglich, die Liebe (vor Allem zum nichtchristlichen Besucher) wirklich in den Mittelpunkt zu stellen. Das völlig Freie und Unüberlegte kann Besucher leicht verunsichern und oberflächlich oder flapsig wirken. Und gerade wegen dem großen Kontrast zum hektischen, unordentlichen und überfordernden Innenstadtleben kann ein ordentlicher, übersichtlicher Gottesdienst für einen Besucher wirklich wohltuend sein!


Treffen Nummer Zwei

Das nächste Vorab-Treffen für alle Interessierten findet diesen Sonntag, wieder von 17-19 Uhr, bei uns statt. Bitte gebt mir kurz Bescheid, wenn ihr vorbeikommt!

Aus unserer Dienstphilosophie reden wir dieses mal über unser Profil. Dazu gehören folgende drei Punkte:

1) Missional. Jesus sandte seine Jünger in die Welt, um ihn zu bezeugen. Beim missional sein geht es nicht in erster Linie um bestimmte Aktionen oder Dienste, sondern um eine Ausrichtung (nach außen) und um ein Selbstverständnis (die Gemeinde ist ein Missionar).

2) Kontextualisieren. Wir wollen das christliche Zeugnis mit unseren Worten und unserem Leben so ausdrücken, dass bei unserem Umfeld wirklich das ankommt, was Gott sagen möchte. Dazu müssen wir nicht nur den Kern unserer eigenen Botschaft, sondern auch unser Umfeld wirklich kennen und verstehen.

3) Stadtchristen. „In einer Stadt gibt es mehr Ebenbild Gottes pro m² als sonst irgendwo auf der Welt.“ (Tim Keller) Gott liebt Menschen. Städte sind voll davon. Deswegen liebt Gott Köln. Wir wollen unser Christsein bewusst im Kontext dieser Stadt und für diese Stadt leben.

PS: Es wird wieder Kinderbetreuung geben!

 


Das erste Treffen, die nächsten Termine

Bei unserem ersten Vorab-Treffen war die Bude schon relativ voll – aber es ist natürlich noch Platz für mehr! Thema war die „historische und theologische Verortung“ für unsere Gemeindegründung:

1) Wir sind christliche Kirche. Wir betonen die Kontinuität von Gottes Wirken, und die Einheit aller, die zum christlichen Glauben, wie er sich in der Bibel und den frühen ökumenischen Bekenntnissen ausdrückt, stehen: das, was alle Christen immer und überall geglaubt haben.

2) Wir sind evangelische Christen. Deswegen geht es bei uns immer um Jesus, die Bibel, Gottes Gnade und das Vertrauen auf ihn. Alle Christen sind gleich, was Privilegien und Verantwortung angeht. Jeder Christ ist gleich nah an Gott dran, und jeder Christ ist ‚im Vollzeitdienst‘.

3) Wir sind eine Freikirche. Freikirchen (Gemeinden) sind unabhängig vom Staat, erhalten keine Kirchensteuer. Wir verstehen das Christentum in erster Linie als eine Laien- und Bekenntnisbewegung: jeder, der sich persönlich und freiwillig zum Glauben bekennt, kann mitmachen!

 

Termine.

Wir wollen unsere Treffen immer am 2. und 4. Sonntag des Monats haben. Für den Monat Mai wäre das der 13. und der 27. Hier auf dem Blog gibt’s dann immer noch eine Erinnerung und auch den Teil der Philosophy of Ministry, mit dem wir uns dann befassen werden. Deswegen: Blog abonnieren!

 


Eine Vision für geistliches Leben – Teil 2: Organisch

Unsere Vision für geistliches Leben ist organisch. Sie orientiert sich an der Natur. In der Bibel sehen wir, wie der Mensch und wie das Reich Gottes mit Bildern aus der Natur beschrieben werden. Ein Mensch ist kein Auto, dass nur regelmäßig ‚auftanken‘ muss. Und echte Gemeinschaft (eine Kirche) ist keine Maschine, die bloß ihr Öl braucht, um rund zu laufen. Wir glauben, dass der einzelne Mensch und die Kirche vor Allem lebendige Organismen sind. Und dass das Leben etwas komplexes, gottgegebenes, heiliges und geheimnisvolles ist. Deswegen schätzen wir das Leben, und wollen es gerne in seiner Fülle entdecken.

In der jüdischen Schöpfungsgeschichte heißt es: „Da machte Gott den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Lebensatem in seine Nase. Und so wurde der Mensch eine lebendige Seele.“ Gott machte sich die Hände schmutzig, er formte den Menschen aus der Erde. Der Mensch ist von Gott, aber aus der Erde. Und es ist der Atem Gottes, der ihn zu einem lebendigen Wesen macht.

Gottes Schöpfung funktioniert in Zyklen, sie hat einen Rhythmus. Tag und Nacht, die Jahreszeiten, die sieben Tage einer Woche. Leben wird nicht produziert – es wird geschaffen und es wächst. Die Schöpfung lebt nach diesen Gesetzmäßigkeiten.

Uns ist wichtig, dass wir uns zuerst als Teil von Gottes Schöpfung verstehen. Dass wir begreifen, wie seine Welt funktioniert. „Wir vergessen nicht, dass wir Christen sind – wir vergessen, dass wir Menschen sind.“ (Unbekannt) Nicht nur, dass wir es vergessen, wir haben es nie wirklich gewusst. Und deswegen möchten wir gemeinschaftlich lernen, was es heißt, Mensch zu sein und was es heißt, Christ zu sein. Wir wollen gemeinsam leben lernen. Was passiert, wenn Menschen den göttlichen Rhythmus der Schöpfung ignorieren, sieht man momentan in unserer Gesellschaft: „Volkskrankheit Burn-Out“. Wir sind erschöpft und deprimiert – höchste Zeit, dass wir wieder zurückfinden.

Auch das Himmelreich folgt organischen Naturgesetzen. Das Reich Gottes ist seine anbrechende Herrschaft auf dieser Erde, die sich vor Allem in seiner Kirche zeigt. Jesus sagt:

»Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Senfkorn, das ein Mann auf sein Feld sät. Es ist zwar das kleinste aller Samenkörner. Aber was daraus wächst, ist größer als alle anderen Gartenpflanzen. Ein Baum wird daraus, auf dem die Vögel sich niederlassen und in dessen Zweigen sie nisten.«

Geistliches Leben in einer Gemeinschaft kommt von Gott. Wir können versuchen, alles so sorgfältig wie möglich zu organisieren. Aber Gott muss das Wachstum geben. Und dieses Wachstum braucht Raum, Pflege und Zeit. Um einen Vergleich vom Apostel Paulus zu gebrauchen: wir können pflanzen und gießen, aber Gott bewirkt, dass es wächst. Die Strukturen, die wir brauchen, sind wie ein Pflanzenstab, der dafür sorgt, dass das Wachstum in die richtige Bahn gelenkt wird.

Wir finden, dass man die Gemeinde mit einem Baum vergleichen kann. Ein gesunder Baum wird gleichzeitig in die Tiefe und in die Höhe bzw. Breite wachsen. Für uns bedeutet das Wachstum in die Tiefe zum Einen die gemeinsame Vertiefung des Glaubens. Zum Anderen heißt es für uns allerdings auch, tief in der Geschichte, die Gott mit seinem Volk schreibt, verwurzelt zu sein (siehe letzter Beitrag).

„Life is too deep for words, so don’t try to describe it, just live it.“ (C. S. Lewis)

Konkret: Weil wir das ganze Leben als Gottes Geschenk sehen, spielen Kunst, Musik und Kultur, Freundschaft und Respekt für uns eine wichtige Rolle. Das soll auch in unserer Gemeinschaft, in Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen sichtbar werden. Wir haben eine ganzheitliche Sicht vom Menschen und von einem Leben mit Gott. Ein richtig verstandenes und entsprechend angewendetes Evangelium wird das ganze Leben von innen heraus verändern. Gott will, dass dieser lebenslange Prozess in einer Gemeinschaft gelebt und von ihr begleitet wird. Soulfire soll ein Zuhause für Lernende und Suchende in der Kölner Innenstadt sein.

Wir glauben an das organische Prinzip, haben aber keine romantische Vorstellung davon, wie dieses in der Praxis zum Tragen kommt. Das heißt: Programme, Methoden, Strategien, Organisation und Planung, Absichtlichkeit und Institutionen sind alles notwendige Werkzeuge für geistliches Wachstum. Sie schaffen den Rahmen für Gottes Wirken, sind aber niemals die Ursache oder Quelle geistlichen Lebens. Mit unseren Bemühungen bauen wir sozusagen nur den Altar, aber Gott muss das Feuer vom Himmel senden.


Eine Vision für geistliches Leben – Teil 1: Historisch

Wir sind junge Stadtchristen. Unsere Vision für geistliches Leben (des Einzelnen und in der Gemeinschaft) lässt sich an drei Begriffen festmachen: historisch, organisch und relevant. Im Laufe der nächsten Tage werde ich kurze Artikel mit diesen Überschriften veröffentlichen. Hier ist der erste Teil: Historisch.

Wir haben keine Vergangenheit. Und wir haben keine Zukunft. Dafür haben wir Angst. Der moderne Mensch kennt keine Geschichte. Immerhin sind wir ja an der Spitze der Entwicklung! Alles, was vor uns kam, ist deswegen minderwertig. (Es ist höchstens für jemanden interessant, der sich fragt, wie wir an die Spitze gekommen sind.) Als der Fortschrittsglaube noch stark und inspirierend war, hatten wir wenigstens noch eine Zukunft: alles wird besser. Wir arbeiten dran. Wir sind unsere Zukunft, wir sind die Träger unserer eigenen Hoffnung. Aber dieses Perpetuum Mobile funktioniert nicht wirklich. Jetzt blicken wir skeptisch in die Zukunft. Wir sind verunsichert, hängen irgendwie im Nichts. Wir sind die Generation Angst.

Wir brauchen Wurzeln. Wir brauchen Weisheit. Und wir brauchen eine alternative Geschichte für die Zukunft des Menschen und dieses Planeten. Nur so können wir unsere Seele im Jetzt und Hier verorten. Die alten Fragen blieben ungeklärt: Wer sind wir? Wo kommen wir her? Und: Wo geht die Reise hin? Der Zeitgeist gibt uns keine würdige Antwort auf die Frage nach unserer Bestimmung.

Dieses spirituelle Vakuum hat etwas Unerwartetes bewirkt: eine Bereitschaft, den Stimmen der Väter doch wieder unsere Ohren zu schenken. In „The Rebirth of Orthodoxy“ schreibt der Theologe Thomas Oden:

„In grellem Kontrast zur Unfähigkeit des aufgebrauchten Säkularismus steht ein aufkommendes Hoffen auf tiefe, geistliche Wurzeln. Tief in der Geschichte verwurzelt zu sein. Suchende Christen und Juden heute haben ein leidenschaftliches Verlangen nach einem sorgfältigen und zuverlässigen Erinnern an historische Weisheit. Sie haben eine Leidenschaft nach Wurzeln, ein Sehnen nach Tiefe, einen Hunger nach Verständigkeit, ein Verlangen nach Tradition. Dies ist die Wiedergeburt, von der wir wissen, dass sie im Moment geschieht.“

„Das einzig wirksame Gegenmittel“ gegen das, was C. S. Lewis ‚chronological snobbery‘ nannte („die unkritische Annahme, dass alles, was nicht mehr aktuell ist, deswegen automatisch abzulehnen sei“), „ist, die frische Meeresluft vergangener Jahrhunderte durch unseren Verstand wehen zu lassen.“ (Lewis) Wir glauben, dass wir die wichtigen Antworten in der Vergangenheit finden können.

 

Konkret: Wir sehen uns als kleinen Teil von Gottes langer Geschichte mit den Menschen. Wir sind kein neues Phänomen. Deswegen wertschätzen wir die Weisheit, die von Juden und Christen seit Tausenden von Jahren bewahrt und weitergegeben wurde. Wir wollen Christsein nicht neu erfinden. Wir wollen keinen neuen Beitrag leisten. Wir wollen der Vergangenheit zuhören, und die Relevanz des Alten wiederentdecken (Kirchenkalender, alte christliche Praktiken, Traditionen und Gottesdienstformen).

Außerdem glauben wir, dass die Frage, was inhaltlich zum christlichen Glauben gehört, bereits vor langer Zeit von den Kirchenvätern geklärt worden ist. Daher sehen wir das Apostolische Glaubensbekenntnis als das Herzstück des Glaubens, an dem wir festhalten, und den wir weitergeben möchten.


Eine Vision für Anbetung

„Anbetung ist ehrfürchtiges Staunen.“ (Unbekannt)

Anbetung ist natürlich mehr als Musik. Aber in diesem Artikel beziehe ich mich auf die Lieder, die in einem Gottesdienst zu Gott und für Gott gesungen werden. Es ist möglich, diese Zeit über- oder unter zu bewerten. Manche Christen erhoffen sich von dieser Zeit eine Abkürzung zur persönlichen Heiligkeit. Für andere hat das ‚Lieder Singen‘ zwar einen traditionellen Platz in jedem Gottesdienst, ist aber überhaupt nicht mit ihrem Alltag verbunden und kommt nicht von Herzen.

Christen haben schon immer gesungen. Aber was macht eine ‚gute‘ Anbetungszeit aus? Worum sollte es dabei gehen?

Himmel trifft Erde

In der Anbetung geht es primär um Gott, dann um die gläubigen Menschen, die zu ihm singen und als drittes auch um die nicht gläubigen Beobachter und Zuhörer. Alle drei Aspekte, und ihre Reihenfolge, sind wichtig.

  1. Gott ist das Zentrum der Anbetung.

Und als Salomo zu Ende gebetet hatte, da fuhr das Feuer vom Himmel herab und verzehrte das Brandopfer und die Schlachtopfer. Und die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus. Und die Priester konnten nicht in das Haus des HERRN hineingehen, denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus des HERRN.“ (2. Chronik 7,1-2)

Christen singen zur Anbetung Gottes. Seine Gegenwart und sein Charakter werden durch Lieder anerkannt. Weil es um Gott geht, sollte er in den Liedern Priorität haben. Anbetung muss Gott-zentriert sein. Seine ewigen Eigenschaften sind wichtiger als unsere menschlichen, möglichen Reaktionen darauf. Lieder sollen ihn beschreiben, und dabei durch theologische Tiefe, Bilder und Symbole den Verstand und die Vorstellungskraft ansprechen. Intelligent und transzendent sein. Eine Anbetungszeit, in der wir nichts über Gott gelernt haben, und in der wir nicht inspiriert wurden, uns ihn so vorzustellen, wie er tatsächlich ist, ist oberflächlich.

Tendenziell sind alte Kirchenlieder inhaltlich wesentlich gehaltvoller (obwohl in den letzten Jahren einige fantastische Lieder geschrieben wurden!). Moderner Worship hat leider eher Hit-Qualitäten, schafft aber kein Erbe für zukünftige Generationen von Anbetern. Passend zu unserer westlichen Konsumgesellschaft, haben viele Lieder einen eher schnelllebigen Charakter. Um das zu ändern, müssen Anbetungsleiter alles daran geben, gute Laientheologen zu sein, die nicht nur mit all ihrem Verstand, sondern auch mit all ihrer Vorstellungskraft versuchen, Gott zu erfassen. Sie sollen wie ein Schatzmeister sein, der aus der Schatzkammer alte und neue Schätze hervorzaubern kann.

Um Gott musikalisch ins Zentrum zu stellen, braucht es musikalische Qualität und Stilrichtungen, die Gottes Eigenschaften vermitteln: die sanfte Liebe Gottes, seine Eifersucht, seine Erhabenheit, seine Schönheit (Ästhetik), seine Majestät, seinen Zorn, seine Kraft, seine Freude, sein weiches Herz – all das (und mehr!) kann durch Musik ausgedrückt werden. Gute Anbetung strebt dieses Ziel an.

  1. Gottes Gemeinde singt zu ihm

Heavenly fire only resides on an altar made from the ground.“ (Matisyahu)

Gott ist das Zentrum der Anbetung. Aber Gott geht es um den Menschen. Wie sieht die menschliche Seite aus? Für eine echte Begegnung mit Gott muss man genauso kommen wie man ist. Warum? Weil Gott Heuchelei hasst – besonders religiöses Getue, Klischees und falsche Frömmigkeit. Deswegen muss Anbetung ganzheitlich und authentisch sein. Im Liederbuch der Bibel, den Psalmen, kommt genau das zum Ausdruck. Die Psalmen sind in gewöhnlicher Sprache verfasst. Manche sind poetisch, künstlerisch, romantisch. Aber nie kompliziert oder theoretisch. Sie sind voller Emotionen, aber ohne seichte Sentimentalität. In ihnen kommen alle menschlichen Emotionen zum Ausdruck: Freude, Trauer, Enttäuschung, Wut, Fassungslosigkeit und Hoffnung.

In einem Gottesdienst werden – je nach Größe – fast alle dieser Emotionen repräsentiert sein. Als Glaubensfamilie haben wir den Auftrag, nicht nur auf uns zu schauen, sondern auch auf die Anderen. Wir sollen uns mit denen freuen, die fröhlich sind, und mit denen trauern, die traurig sind. Um das auch in der Anbetungszeit umzusetzen, bräuchte es Lieder, in denen inhaltlich und musikalisch die gesamte Bandbreite menschlicher Gefühle und Gedanken Ausdruck finden. Statt dessen sind ein Großteil der Anbetungslieder romantische Liebeslieder, in denen wir unsere stark empfundene Liebe zu Gott beteuern. Aus irgendeinem Grund meinen wir, dass Anbetung immer in diese Richtung gehen muss.

Mein Problem damit ist vor Allem, dass so eine Kluft zwischen Alltagsrealität und dem Gottesdienst geschaffen wird. Gerade Menschen, die Gott ernst nehmen, kämpfen mit Widersprüchen, Verletzungen, Enttäuschungen, sind nicht immer froh und verliebt, sondern auch wütend (auch auf Gott!), oder gleichgültig. Wo sind die Lieder, in denen wir das vor Gott zum Ausdruck bringen – uns vor ihm auskotzen können? Unsere Leben als Nachfolger von Jesus sind keine seichte Liebesschnulze. Warum tun wir mit unseren Liedern dann so als ob? Ich stelle mir vor, dass das für Gott sehr unbefriedigend sein muss. Wir brauchen Lieder, in denen wir singen, was wir wirklich denken und fühlen. Und auch hier wieder Musikrichtungen und musikalische Elemente, die uns helfen, das zu vermitteln, was sich in uns abspielt. So können wir den Höhenunterschied zwischen Anbetungszeit und Alltäglichkeit einebnen. Und die frommen Schuldgefühle, die durch diese Diskrepanz entstehen, können endlich beseitigt werden. Sie haben uns schon lange genug entmutigt.

Authentische Anbetung im Gottesdienst würde uns helfen, den Alltag zu heiligen. Wir singen dann Sonntags als die Menschen, die wir Werktags sind. Direkt nach Paulus‘ Aufforderung „Singt Psalmen, Lobgesänge und von Gottes Geist eingegebene Lieder; singt sie dankbar und aus tiefstem Herzen zur Ehre Gottes.“ schreibt er „Alles, was ihr sagt, und alles, was ihr tut, soll im Namen von Jesus, dem Herrn, geschehen, und dankt dabei Gott, dem Vater, durch ihn.“ (Kolosser 3,16b-17) Beides gehört in einen Atemzug – in das gleiche Lied.

Diese Anbetungsleiter müssten dann pastoral begabt sein. Sie bräuchten den Kontakt zur anbetenden Gemeinde, müssten wissen, was die Menschen bewegt, müssten den Alltag und die Schicksale der Einzelnen kennen.

  1. Wir werden beobachtet…

Heißt es nicht in der Schrift: ›Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein für alle Völker‹?“ (Jesus bei der Reinigung des Vorhofs der Heiden; Markus 11,17)

Die musikalische Anbetung Gottes hat immer auch missionarischen Charakter. Da ist Gott im Mittelpunkt, da sind Menschen, die sich um ihn herum versammeln, eine echte Begegnung zwischen diesem Gott und seinen Menschen. Und dann sind da die Zuschauer. In den prophetischen Visionen alttestamentlicher Propheten vom kommenden Friedensreich des Messias ist das ein Thema, das immer wieder auftaucht: die Nationen werden nach Zion kommen, um dabei zu sein, wie das Volk Gottes anbetet – und um daran Teil zu haben.

In „Worship by the Book“ schreibt Tim Keller:

Israel war dazu berufen, die ungläubigen Nationen mit Gott bekannt zu machen indem sie sein Lob sangen. Der Tempel sollte das Zentrum einer die Welt gewinnenden Anbetung [„world-winning-worship“] sein. Das Volk Gottes betete nicht nur vor dem Herrn, sondern auch vor den Nationen an. Gott sollte vor allen Nationen gepriesen werden. Dazu gehörte, dass die Nationen eingeladen wurden, mitzusingen. (…)

Trotz dieser biblischen Ermahnungen leiten Prediger und andere Leiter einen Gottesdienst normalerweise, als ob keine Nichtchristen anwesend wären. Das führt dann dazu, dass Christen sich gar nicht erst vorstellen können, mal einen nichtchristlichen Freund mitzubringen. (…)

Ein Mangel an Einfachheit (besonders Sentimentalität) oder ein Mangel an Transzendenz (besonders Mittelmäßigkeit) werden Nichtchristen langweilen, verwirren oder kränken. Zielt ein Gottesdienst auf der anderen Seite einzig und allein darauf ab, evangelistisch zu sein, werden die Herzen der Christen nicht mit einbezogen, … Nichtchristen werden so keine Menschen sehen, die durch herrlichen Lobpreis geformt und getragen werden.

Fazit: Zielt der Sonntagsgottesdienst hauptsächlich auf Evangelisation ab, wird er die Gläubigen langweilen. Geht es nur um Erbauung, fehlt den Nichtchristen der Zugang. Richtet er sich aber darauf aus, den Gott, der aus Gnade rettet zu preisen, werden gleichzeitig die ‚Insider‘ etwas lernen und die Außenseiter herausgefordert werden. Gute, gemeinschaftliche Anbetung wird natürlicherweise evangelistisch sein.“

Anbetungszeiten müssen also vor dem Hintergrund geplant werden, dass in einem Gottesdienst eigentlich immer Gläubige und Nichtgläubige anwesend sind – ohne sich dann bei der Planung diese Spannung einseitig aufzulösen. Die Gemeinde Gottes singt in Gegenwart der nicht gläubigen Zuhörer Gottes Lob. Eine gesunde Herausforderung! Die praktischen Konsequenzen deutet Keller bereits an. Wir wollen einladend sein, ohne unsere Identität als anbetendes Gottesvolk zu verlieren. Um diese Brücke zu schlagen, muss ein Anbetungsleiter nicht nur ein guter Laientheologe und ein Pastor, sondern auch ein Missionar sein.

Eine Anbetung, die Gott zum Zentrum hat, in die Menschen wirklich mit hineingenommen werden, die einladend für Außenstehende ist. Das ist meine Vision für Anbetung.


soulfire DNA – Teil 10: Kontextualisierung

Im letzten Teil der soulfire DNA-Serie geht es um die Frage, wie man die christliche Botschaft auf eine relevante Art und Weise in einen bestimmten kulturellen Kontext tragen kann. Kontextualisierung ist in der Bibel ein wichtiges Thema. Das Alte Testament ist der Kontext des Neuen Testaments. Als Jesus Mensch wurde, kontextualisierte sich Gott, um die Menschen zu erreichen und erretten. Die Apostel auf dem ersten Konzil in Jerusalem (siehe Apostelgeschichte 15) aber besonders Paulus hatten ein tiefes Verständnis von kulturellen Unterschieden, Feinheiten, und der Herausforderung, das Evangelium von einer Kultur in eine andere zu bringen.

Alle Menschen sind sich darin gleich, dass sie Sünder sind. (Sünde beschreibt einen Zustand der Unabhängigkeit von Gott, in dem man sein eigener Herr und Retter sein will – sei es durch religiöse Selbstverleugnung oder areligöse Selbstbestimmung.) Gleichzeitig sind Menschen aber auch sehr unterschiedlich. Das sieht man besonders darin, wie sie gemeinschaftlich leben: in den unterschiedlichen Kulturen. Unterschiedliche Kulturen haben unterschiedliche Sprachen, unterschiedliche Werte, unterschiedliche Götzen (Wege, wie sie ihre angeborene Religiösität ausleben), unterschiedliche Fragen. Unterschiedliche Kulturen gibt es nicht nur in den verschiedenen Ländern, sondern auch innerhalb der Länder in den verschiedenen Generationen. Jede Form von Christentum ist immer auch von der Kultur geprägt, in der es gelebt wird. Tim Keller schreibt:

Es gibt kein „un-kontextualisiertes“ Christentum. Jesus kam nicht als verallgemeinertes Wesen auf diese Erde. Mensch zu werden bedeutete für ihn, ein bestimmter Mensch zu werden. Er war männlich, jüdisch, Arbeiterklasse. Es bedeutete ebenfalls, dass er als Mensch in ein bestimmtes soziales und kulturelles Umfeld hineingeboren wurde. Um zu dienen müssen wir inkarnieren, so wie Jesus es getan hat. Christliche Praktiken müssen sowohl eine biblische als auch eine kulturelle Form annehmen. Die Bibel weißt uns zum Beispiel dazu an, Gott durch Musik zu preisen. Aber sobald wir uns dann entscheiden, welche Musik wir dazu verwenden, begeben wir uns in den Bereich der Kultur. Sobald wir eine Sprache wählen, ein bestimmtes Vokabular, ein bestimmtes Level an emotionalem Ausdruck oder Intensität, sobald wir eine bestimmte Illustration in unserer Predigt verwenden, nähern wir uns dem sozialen Kontext der einen Menschen an und entfernen uns gleichzeitig vom sozialen Kontext anderer Menschen. Am Pfingsttag hörten alle die Predigt des Petrus in ihrer eigenen Sprache, ihrem eigenen Dialekt. Aber seitdem können wir nicht mehr gleichzeitig ‚allen Menschen alles werden‘. Deshalb ist die Anpassung an die Kultur unumgänglich.“ (Keller)

Kulturen sind unglaublich verschieden. Es gibt Kulturen, in denen es eine Tugend ist, zu verraten oder zu morden. In anderen Kulturen ist es sogar schon verpönt, jemandes Gefühle zu verletzen. Während die einen die Erhaltung der Familienehre als Lebensinhalt haben, dreht sich bei anderen alles darum, konsequent seinen eigenen Weg zu gehen.

Inwiefern ist die Frage nach dem kulturellen Kontext wichtig, wenn ich die christliche Botschaft zu den Menschen bringen, sie ihnen mit Worten und Taten verkündigen will? Die Antwort wird deutlich, wenn man beginnt, sich folgende Fragen zu stellen: Werden die Menschen, die ich erreichen will, meine Worte verstehen? Werden sie mein Handeln richtig deuten? Wie kann ich mit ihnen kommunizieren? Zum Kontextualisieren gehören 3 Schritte:

1. Schritt: die Botschaft kennen.

Von Anfang an war den Christen klar, dass es nicht darum ging, für jede Generation oder jede Kultur eine neue ‚frohe Botschaft‘ zu finden. „Die Schrift ist nicht ein Picknick, bei dem der Autor die Worte mitbringt und die Leser die Bedeutung.“ (Newbigin) Wir fragen uns beim Kontextualisieren also nicht einfach: „Was wäre jetzt für diese Kultur eine frohe Botschaft?“ Nein: Jesus hat seiner Gemeinde das Evangelium anvertraut. Sie soll diese Botschaft hüten, verwalten und verbreiten. Der überlieferte Glaube ist der Gemeinde „ein für allemal anvertraut“ (Judas 3). Paulus nennt die Gemeinde des lebendigen Gottes den „Pfeiler und eine Grundfeste der Wahrheit. Und groß ist, wie jedermann bekennen muss, das Geheimnis des Glaubens: Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit.“ (1. Timotheus 3,15-17) Die Väter, Doktoren und Lehrer der Kirche waren stets damit beschäftigt, Wahrheit und Lüge fein säuberlich von einander zu trennen. So wurden Irrlehrer klar benannt, und entstanden auf den ökumenischen Konzilen die wichtigen Glaubensbekenntnisse.

Unsere Aufgabe ist es, diese Botschaft wirklich zu kennen und zu verstehen. Wir müssen sehr vertraut mit ihr sein, und ihre Kraft nicht nur theoretisch kennen. Die christliche Botschaft kann man mit einem Päckchen Dynamit vergleichen – der Glaube zündet die Lunte. So wird die reinigende, heilende, lebensverändernde Kraft freigesetzt, sie entfaltet ihre volle Wirkung.  Oder mit einem Samenkorn, dass in die Erde eingepflanzt, bewässert und gewärmt werden muss, um ‚lebendig zu werden‘. Kenne ich die christliche Botschaft? Verstehe ich sie? Erlebe ich täglich ihre Kraft?

Zum verstehen der Botschaft gehört allerdings auch, dass ich realisiere, dass auch mein persönliches Verständnis des Evangeliums immer von meinem eigenen kulturellen Hintergrund geprägt ist. Ein kulturell neutrales Evangelium gibt es genauso wenig wie eine neutrale Sprache. Lesslie Newbigin schreibt:

Wir müssen bei der grundlegenden Tatsache beginnen, dass es kein reines Evangelium gibt – wenn damit eine Botschaft gemeint ist, die nicht innerhalb einer bestimmten Kultur verkörpert wurde. Die Bedeutung des einfachsten, verbalen Statements des Evangeliums, „Jesus ist Herr“, ist von dem Inhalt abhängig, den die jeweilige Kultur dem Wort „Herr“ gibt.“

Um kontextualisieren zu können, muss ich meine eigene Kultur und die Kultur desjenigen kennen, den ich mit der Botschaft erreichen will. Dann kann ich von der einen ‚Sprache‘ in die andere ‚Sprache‘ übersetzen.

2. Schritt: den Kontext studieren.

Die Menschen, mit denen ich es zu tun habe, wirklich zu kennen und zu verstehen ist ein Beweis dafür, dass ich diese Menschen liebe. Liebe ist niemals oberflächlich, sie will tief in die Gedanken vor- und in das Herz eindringen. Außerdem ist es notwendig, um sicher zu stellen, dass meine beabsichtigte Botschaft auch wirklich ankommt. Man kann die gleichen Begriffe gebrauchen, und trotzdem etwas völlig Unterschiedliches damit meinen.

Man kennt das vielleicht aus einer Liebesbeziehung. Wenn ich meinen Partner liebe, will ich ihn wirklich verstehen. Ich will sicher stellen, dass er wirklich versteht, was ich ihm sagen will. Deswegen ’studiere‘ ich meinen Partner. Ich will alles über ihn/sie wissen.

Genau so sind Christen als Botschafter von Gottes Liebe in ihr Umfeld gestellt, in ihre Welt gesandt. Dort sollen sie ihre Mitmenschen lieben, indem sie ihnen dienen und ihnen die wichtigste Botschaft der Welt vermitteln. Deswegen ist es nicht möglich, Gott in der Welt zu bezeugen, wenn ich mit dieser Welt nicht vertraut bin.

Es gab eine Phase in der Missionsgeschichte der Kirche, in der das nicht klar war. Und so brachte man den Menschen, die man ‚missionieren‘ wollte, nicht nur das Evangelium, sondern auch noch westliche Kleidung, Sprache, Lebensgewohnheiten, Regierungen, Währung, Politik – kurz: westliche Kultur. Kolonialisierung. Man trennte nicht zwischen Evangelium und Kontext. Das größte Problem dabei war die Herrschaftsbeziehung zwischen Missionaren und den zu erreichenden Menschen: der Glaube wurde den Menschen nicht vermittelt, sondern übergestülpt oder aufdiktiert.

Dann begriff man, dass sich etwas ändern musste, und fing an, Missionare gezielt auf die Kultur vorzubereiten, in welcher der Dienst getan werden sollte. Missionare passten sich der Sprache und Kultur an, lebten mitten unter den Menschen. Sie studierten den Kontext, um dann darin Jesus effektiv zu bezeugen. Sie stellten die wichtigen Fragen: Welche Teile der Kultur spiegeln bereits das Evangelium wieder, und können deswegen behalten und bestätigt werden? Welche Teile der Kultur widersprechen dem Evangelium und müssen deswegen konfrontiert und korrigiert werden? Welche Teile der Kultur sind „neutral“, und können für das Evangelium eingenommen und eingesetzt werden?

Doch was hat das jetzt alles mit unserer geplanten Gemeindegründung in Köln zu tun? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Weltmission und Gemeindegründungen von Einheimischen? Es war der (bereits zitierte) schottische Bischof Lesslie Newbigin, der einen wichtigen Beitrag zur Beantwortung dieser Frage leistete. Den Einfluss, den er im 20. Jahrhundert im Bereich Missiologie ausübte, war enorm. Als Missionar arbeitete er jahrzehntelang in Madras/Südindien. Dort sammelte er sehr viel praktische Erfahrung, was Evangelisation, Mission und Kontextualisierung anging. Als er nach Großbritannien zurückkehrte, fiel ihm auf, dass die Christen in der modernen westlichen Welt es versäumt hatten, das Evangelium für die Moderne zu kontextualisieren. Aufgrund der schnellen und drastischen gesellschaftlichen Veränderungen geschah Mission/Gemeindegründung im eigenen Land nicht mehr auf dem selben Hintergrund wie 100 Jahre zuvor. Das Evangelium musste neu kontextualisiert werden. Sein theologisches Lebenswerk entstand durch die Vertiefung dieses Themas.

Für die soulfire-Gemeindegründung bedeutet das, dass die Kultur der Stadt Köln studiert werden muss. Ich bin zwar Deutscher, aber die Unterschiede zwischen Provinz und Großstadt und zwischen liberalen Rheinländern und konservativen Südwestfalen sind groß. Wir wollen Köln kennen, verstehen und lieben lernen. Wir wollen in die Sprache, die Symbolik, die Geschichte der Stadt eintauchen. Die große Frage lautet: Wie muss es aussehen, wenn das Evangelium in Köln lebendig wird?

3. Schritt: die Fusion bewirken.

Die Fusion wird bewirkt, indem die richtigen Fragen gestellt, die richtige Botschaft gepredigt und das richtige Leben gelebt wird.

a) Die richtigen Fragen stellen: Wie kann ich den ‚Geist‘ einer Stadt, ihre Seele, kennenlernen? Was ist die symbolische Geschichte, über welche sich die Stadt definiert, nach der sie lebt (Metanarrative)?

b) Die richtige Botschaft predigen: Die Botschaft muss prophetisch sein. Die Propheten waren die Stimme Gottes aus dem Volk und für das Volk. Ihre Botschaft zeichnete sich nicht nur dadurch aus, dass sie theologisch korrekt war, sondern dass sie die Menschen in ihrer spezifischen Situation ansprach. Die Propheten lehrten, trösteten, überführten und konfrontierten ihr Volk auf einzigartige Weise. Sie durchbohrten Herzen. Sie hatten zwar auch oft eine Botschaft für die umliegenden Völker, doch die Priorität lag auf den eigenen Leuten. „Wahre Kontextualisierung räumt dem Evangelium seinen rechtmäßigen Vorrang ein: seine Kraft, jede Kultur zu durchdringen und in ihrer eigenen Sprache und ihren Symbolen in sie hinein zu sprechen, und zwar das Nein und das Ja, sowohl Gericht als auch Gnade.“ (Lesslie Newbigin)

c) Das richtige Leben leben: Das Evangelium wurde der christlichen Gemeinschaft anvertraut. Sie sollen das Evangelium bekennen, predigen und bezeugen. Christen sind dazu bestimmt, die Botschaft Gottes für ihre Stadt gemeinsam zu verkörpern. An der christlichen Gemeinschaft in einer Stadt sollen die Nichtchristen sehen können, wie es aussehen wird, wenn Gott diese Stadt regiert. Sie sind der Vorgeschmack des Himmels auf Erden in der jeweiligen Stadt.


Jesus und Kultur

Weil Jesus in derselben Gegend, in der er geboren und aufgewachsen war auch wirkte, übersieht man sehr leicht die Tatsache, dass er als Gottes auf die Erde gesandter Sohn trotzdem ein Missionar war. Das er dieses Selbstverständnis hatte, wird besonders im Johannesevangelium deutlich, in dem über 40 Mal berichtet wird, wie Jesus davon spricht, dass er vom Vater in die Welt gesandt ist.

Jesus wusste: Sein Auftrag war es, innerhalb der jüdischen Kultur Israels seiner Zeit Gottes Charakter zu offenbaren. Die ersten 30 Jahre seines Lebens auf der Erde verbrachte er damit, einer von ihnen zu werden. Nur so konnte er ein Mittler, ein Vermittler und ein Übersetzer zwischen der geistlichen Welt und seinem Umfeld sein. Dass er so arbeitete, sieht man an den Gleichnissen, die er erzählte, aber auch in seinem Verhalten im Umgang mit Menschen und in Einzelgesprächen. Lukas Kapitel 14 ist ein gutes Beispiel dafür.

An einem Sabbat war Jesus im Haus eines hochrangigen Pharisäers. Die Leute beobachteten ihn genau.“ (1)

Jesus nimmt am kulturellen Leben teil, indem er die Einladung eines leitenden Pharisäers annimmt. Die jüdische Kultur, in die ihn der Vater gesandt hatte, war stark religiös und moralistisch. Die Tischgemeinschaft des Pharisäers ist in gewisser Weise das symbolische Herz dieser Kultur.

Es befand sich dort ein Mann, dessen Gliedmaßen geschwollen waren. Jesus fragte die Pharisäer und Gesetzeskenner: »Ist es nun nach dem Gesetz erlaubt, Menschen am Sabbat zu heilen, oder nicht?« Als sie nicht antworten wollten, berührte Jesus den kranken Mann, heilte ihn und schickte ihn fort. Dann wandte er sich an sie und fragte: »Wer von euch würde am Sabbat nicht arbeiten, wenn es nötig ist? Wenn euer Sohn oder euer Ochse in einen Graben fällt, geht ihr dann nicht sofort hin und zieht ihn heraus?« Und wieder wussten sie keine Antwort.“ (2-6)

„Jesus begann“ (Elberfelder Übersetzung) = er initiiert ein Gespräch, in welchem er konfrontiert und lehrt. Seine Fragen sind so präzise, weil er die Menschen und ihren Umgang mit der eigenen Kultur so gut kannte. Er kannte auch ihre Doppelmoral und traf so mit seinen Fragen voll ins Schwarze: „sie konnten ihm darauf nicht antworten.“

Seine Lektion für seine Kultur: Barmherzigkeit (innerlich) statt äußerlicher Frömmigkeit. Er zeigt den Unterschied zum Reich Gottes auf.

Als Jesus sah, dass alle, die zum Essen gekommen waren, sich einen Platz am oberen Ende des Tischs aussuchten, sagte er zu ihnen: »Wenn du zu einem Hochzeitsfest eingeladen bist, strebe nicht nach dem besten Platz. Denn was ist, wenn jemand eingeladen wurde, der angesehener ist als du? Der Gastgeber wird sagen: `Lass diesen Mann hier Platz nehmen.´ Und dann musst du beschämt aufstehen und zum letzten Platz gehen, der übrig geblieben ist! Setz dich stattdessen zunächst ans untere Tischende. Wenn dein Gastgeber dich dann sieht, wird er kommen und sagen: `Freund, wir haben aber einen besseren Platz für dich!´ So wirst du vor allen anderen Gästen geehrt werden. Denn die Stolzen werden gedemütigt, die Demütigen aber geehrt werden.« Dann wandte er sich an seinen Gastgeber: »Wenn du mittags oder abends Gäste zum Essen einlädst, dann lade nicht deine Freunde, Brüder, Verwandten oder reichen Nachbarn ein. Denn sie werden es dir vergelten, indem sie dich ebenfalls einladen. Lade vielmehr die Armen, die Krüppel, die Gelähmten und die Blinden ein. Bei der Auferstehung der Gottesfürchtigen wird Gott dich belohnen, weil du Menschen eingeladen hast, die es dir nicht vergelten konnten.« Als ein Mann, der mit Jesus am Tisch saß, das hörte, rief er aus: »Gesegnet sind die, die am Festessen im Reich Gottes teilnehmen!« Jesus antwortete ihm mit folgendem Gleichnis: »Ein Mann bereitete ein großes Fest vor und verschickte viele Einladungen. Als alles vorbereitet war, sandte er seinen Diener aus, der den Gästen sagen sollte, dass es Zeit war, zum Fest zu kommen. Aber sie fingen alle an, Entschuldigungen vorzubringen. Einer sagte, er habe gerade ein Feld gekauft und wolle es nun begutachten; er bat, ihn deshalb zu entschuldigen. Ein anderer erklärte, dass er gerade fünf Paar Ochsen gekauft habe und sie prüfen wolle. Wieder ein anderer hatte gerade geheiratet und meinte, er könne deshalb nicht kommen. Der Diener kam zurück und berichtete seinem Herrn, was sie gesagt hatten. Da wurde der Herr zornig und sagte: `Geh hinaus auf die Straßen und Wege der Stadt und lade die Armen, die Krüppel, die Lahmen und die Blinden ein.´ Der Diener tat, was ihm aufgetragen worden war, und berichtete dann: `Wir haben noch Platz für weitere Gäste.´ Da sagte sein Herr: `Geh hinaus auf die Landstraßen und hinter die Hecken und bitte jeden, den du findest, zu kommen, damit das Haus voll wird. Denn keiner von denen, die ich zuerst eingeladen habe, soll auch nur das Geringste von dem bekommen, was ich für sie vorbereitet hatte.´« (7-24)

Er spricht gezielt die unterschiedlichen Gruppen an („zu den Eingeladenen“ in Vers 7, „zu dem, der ihn eingeladen hatte“ in Vers 12), bzw. reagiert spontan auf aufkommende Einwürfe (Verse 15-16). Dabei erklärt er ihnen, wie es aussehen müsste, wenn das Reich Gottes ihre fromme Kultur durchdringen würde, bzw. leitet sie dazu an, sich entsprechend zu verhalten (Verse 7-14). Er nimmt ihre Kultur und erklärt das Evangelium durch sie. Er erklärt, was es heißt, in dieser Kultur Christ zu sein.

Eine große Menschenmenge begleitete Jesus. Er wandte sich um und sagte zu ihnen: »Wer mir nachfolgen will, muss mich mehr lieben als Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern – ja, mehr als sein Leben. Sonst kann er nicht mein Jünger sein. Und ihr könnt auch nicht meine Jünger sein, wenn ihr nicht euer Kreuz auf euch nehmt und mir nachfolgt.“ (25-27)

Diese Aussagen (Hass für die Familie und Tragen des Kreuzes) sind eine bewusste Konfrontation, nicht nur der Kultur, sondern des Einzelnen innerhalb der Kultur. Wie drastisch diese Aussagen sind, wird einem klar, wenn man folgendes bedenkt:

  1. Der Stellenwert der Familie in der orientalischen Kultur. Seine Familie zu hassen ist die Kultur mit Füßen zu treten.
  2. Die Bedeutung des Kreuzes in dieser Kultur: erniedrigendes Symbol römischer Unterdrückung (gekreuzigt wurden vor Allem Nichtrömer und Sklaven) und beschämendes Symbol göttlichen Fluches. („Verflucht ist jeder, der am Kreuze hängt.“ 5. Mose 21,23)

Natürlich tritt Jesus hier nicht aus Unwissenheit in kulturelle Fettnäpfchen – die offensiven Implikationen seiner Aussagen sind im völlig bewusst und beabsichtigt. Er drückt sich bewusst so aus, um wachzurütteln und die Radikalität seiner Botschaft zu verdeutlichen. Er wollte sich nicht brav in die Kultur einfügen, sich darin auflösen und einfach ein Teil davon werden. Er macht sich durch seine Aussagen bewusst zum Stein des Anstoßes, um seinen rechtmäßigen Platz über der Kultur einzunehmen. Denn obwohl er als Mensch Teil und Produkt seines kulturellen Umfeldes war, steht er doch als Gottes Sohn über ihr.

Aber kommt nicht, ehe ihr nicht die Kosten berechnet habt. Denn wer würde mit dem Bau eines Hauses beginnen, ohne zuvor die Kosten zu überschlagen und zu prüfen, ob das Geld reicht, um alle Rechnungen zu bezahlen? Sonst stellt er vielleicht das Fundament fertig, und dann geht ihm das Geld aus. Wie würden ihn da alle auslachen! Sie würden sagen: `Das ist der, der mit dem Bau eines Hauses angefangen hat und dann nicht genug Geld hatte, es fertig zu stellen!´ Oder welcher König käme je auf den Gedanken, in den Krieg zu ziehen, ohne sich zuvor mit seinen Beratern zusammenzusetzen und zu erörtern, ob seine Armee von zehntausend Soldaten stark genug ist, die zwanzigtausend Soldaten zu besiegen, die gegen ihn aufmarschieren? Wenn er dazu nicht in der Lage ist, wird er dem Feind, wenn dieser noch weit weg ist, Unterhändler entgegenschicken und versuchen, einen Frieden auszuhandeln. Genauso kann auch niemand mein Jünger sein, ohne alles für mich aufzugeben.“ (28-33)

Das wird in seiner Erklärung deutlich: er fordert den ersten Platz im Herzen seiner Nachfolger – ein Platz, der nur Gott selbst vorbehalten ist. Dabei spricht er auf faszinierende Weise in die Kultur hinein. Es ist, als würde er sagen: „Die Familie ist für euch unglaublich wichtig. Aber ich bin wichtiger! Seid ihr bereit, das anzuerkennen, eure Werte von mir verschieben zu lassen? Mir gehört der Platz in euren Herzen/in eurer Kultur, der im Moment durch die Familie besetzt ist.“ und „Nationaler und religiöser Stolz sind euch unheimlich wichtig. Keiner trägt freiwillig das Symbol der Schande, es widerspricht eurem patriotischen Ehrgefühl. Aber ich bin wichtiger als eure Frömmigkeit oder euer Patriotismus. Seid ihr bereit, diese Dinge für mich aufzugeben, um mir nachzufolgen? Der Platz, den die Ehre in euren Herzen/eurer Kultur einnimmt – der steht mir zu. Werdet ihr ihn für mich räumen?“

Seine Interaktion mit den Menschen, sei es im privaten (1-24) oder im öffentlichen Bereich (25-33) zeigt sein tiefes Verständnis der jüdischen Kultur. Nur wenn man seine Botschaft vor diesem Hintergrund sieht, begreift man, wie hart, wie provokant und wie bohrend sie tatsächlich ist. Und man merkt, dass man sich anstrengen muss, um diese Worte für sein eigenes Herz und für die Menschen um sich herum anzuwenden.

Salz ist gut zum Würzen. Aber wie macht man es wieder salzig, wenn es seine Würzkraft verliert? Geschmackloses Salz eignet sich weder für den Boden noch als Dünger. Es wird weggeworfen. Wer bereit ist zu hören, soll zuhören und begreifen!« (34-35)

Eins ist sicher: diese Warnung sollte im Kontext des Kapitels verstanden und dann vom Einzelnen und der Gemeinde beachtet werden. Jesu Worte sind Salz in der Gesellschaft. Sie haben eine reinigende, durchdringende Kraft. Aber was soll Gott mit einer Gemeinde machen, die ihre Salzigkeit innerhalb der jeweiligen Kultur verloren hat – und das passiert, wenn sie sich nicht als in die Kultur gesandten Missionar versteht –? Diese Gemeinde ist kraftlos, sie bewirkt nichts, sie erfüllt ihren Zweck nicht und ist in diesem Sinne unnütz geworden. Ein hartes Urteil.