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Eine Vision für praktische Nächstenliebe (Teil 1)

„Wir bekennen uns zum Christentum. Wir behaupten von uns, Nachfolger Jesu zu sein, und nach dem Evangelium zu leben. Wir haben Bibeln in unseren Häusern. Deswegen wollen wir uns nicht so verhalten, als hätten wir noch nie eine Bibel gesehen, als würden wir den christlichen Glauben nicht kennen, oder wüssten nicht, was für eine Religion das Christentum ist.“ (Jonathan Edwards; Christian Charity)

„Wohltätigkeit…ist ein wesentlicher Teil christlicher Moral.“ (C. S. Lewis)

In freikirchlichen Kreisen ist soziales Engagement im Moment ziemlich trendy. Aber eigentlich gehört es zum klassischen Christentum wie Bibel, Gebet und Kirche. Christen geben, Christen helfen, Christen dienen. Die Präsenz einer christlichen Kirche soll eine gute Nachricht für alle Armen und Bedürftigen sein – und so ist es in der Geschichte auch sehr oft gewesen. Wir möchten auch in diesem Sinne in der guten Tradition christlicher Kirchen stehen, und eine Bereicherung für Köln sein.

Was braucht es dazu?

Ein biblisches Menschenbild.

Die Bibel erfasst die uns bekannten menschlichen Nöte (psychologisch, sozial, materiell). Aber sie geht weiter, und nennt uns den Grund für die Existenz der Bedürfnisse. Es gibt eine theologische Not, die allen anderen Nöten zugrunde liegt: unsere Entfremdung von Gott. Alle anderen Nöte sind Symptome für diese Ursache.

Weil der Mensch eine Einheit ist, bedingen und beeinflussen sich die unterschiedlichen Bedürfnisse. Es ist deswegen praktisch unmöglich, die Bereiche unseres Lebens von einander zu trennen. Deswegen gehören auch die unterschiedlichen Arten der Hilfe untrennbar zusammen – das Evangelium kann nicht von konkreter Hilfe getrennt werden.

Ein biblisches Gottesbild.

Gottes großes Ziel ist es, die ganze Schöpfung zu erlösen. Er hat mehr im Blick als nur die innerlichen Nöte. Weil er den ganzen Menschen liebt, lassen ihn unsere vielfältigen Bedürfnisse nicht kalt. Seine besondere Zuneigung gilt den Armen, Benachteiligten, Schwachen, Kranken und Notleidenden. Man kann die Bibel nicht lesen, ohne ständig mit dieser Tatsache konfrontiert zu werden. Seine Barmherzigkeit ist der Grund dafür, dass Gott der Sohn in Jesus Christus Mensch wurde. Jesus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes. Wenn wir ihn sehen, sehen wir den Vater. Die Evangelien machen deutlich: Jesus kümmerte sich um sämtliche menschlichen Nöte.

Ein geglaubtes Evangelium.

Zahlreiche Stellen im Alten wie im Neuen Testament machen die praktische Nächstenliebe zum Prüfstein für eine richtige Gottesbeziehung. Warum? Weil jemand, der das Evangelium glaubt, sich mit den Armen, Kranken und Bedürftigen identifizieren wird. Er wird realisieren: Geistlich gesehen war ich der Bettler und der Blinde. Aber weil er ein weiches Herz hat, kam Gott in Jesus zu mir, und machte mich reich, heilte mich. Diese unverdiente Barmherzigkeit und freundliche Liebe Gottes wird meine Gefühle für meine Mitmenschen radikal verändern. Mein Dienst am Nächsten wird nicht herablassend sein. Ich werde es nicht als bloße Pflichterfüllung sehen. Statt dessen werde ich von echter Dankbarkeit bewegt sein. Dieser Vorgang ist kein Automatismus – wir müssen uns immer wieder mit dem Evangelium konfrontieren (lassen).

Ein gelebtes Evangelium.

Auf diese Weise führt das Evangelium von Gottes Gnade dazu, dass Menschen es durch ihr Leben weitererzählen. Christen dürfen nicht darauf schauen, wer Hilfe verdient hat. Sie dürfen ihr Herz nicht verhärten, wenn sie menschliche Not sehen. Wo wären wir, wenn Gott nur denen helfen würde, die es verdienen? Oder wenn er sich dazu entschieden hätte, sich von unserer Verlorenheit nicht bewegen zu lassen? Für uns ist der Dienst an unserem Nächsten und an der Stadt deswegen eine Form der Kommunikation, der Predigt. Wir demonstrieren dadurch, was wir glauben: dass das Evangelium eine verändernde Kraft ist.


Eine Vision für geistliches Leben – Teil 3: Relevant

„Das Verhältnis zwischen Christen und Kultur ist aktuell für die Kirche das entscheidende Thema.“ (Tim Keller)

„Ich versuche nicht, das Evangelium relevant zu machen, sondern die Relevanz des Evangeliums zu zeigen.“ (Mark Driscoll)

Zu unserer Vision für geistliches Leben gehört, dass es nicht nur historisch und organisch, sondern dabei auch relevant für unsere Mitmenschen sein soll. Um das Bild vom Baum aus dem letzten Artikel noch einmal aufzugreifen: der Baum besteht ja nicht nur aus Wurzeln, sondern auch aus einem Stamm, sowie aus Ästen und Zweigen, die sich immer weiter ausstrecken.

Unter „Relevanz“ verstehen wir nicht einfach eine Anpassung der Kirche an ihr kulturelles Umfeld, bei der es nur darum geht, dass Form und Inhalt ‚zeitgemäß‘ sind. Darin sehen wir nämlich die Gefahr, beliebig zu werden, die christliche Identität aufzugeben und damit Verrat an sich selbst zu begehen. Die historischen Wurzeln der Kirche dürfen nicht gekappt werden. Sonst sind wir morgen vielleicht so hip, dass wir übermorgen schon wieder veraltet sind. Relevant sein bedeutet, mit der uns umgebenden Kultur in Berührung zu bleiben. Wir möchten nicht reaktionär und defensiv sein, sondern als Christen proaktiv und dienend am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Nur wenn wir Teil der Kultur sind, können wir sie von innen heraus mit einem gelebten und gepredigten Evangelium konfrontieren.

Konkret: In der Praxis bedeutet das dann folgendes:

Wir wollen authentisch unseren Glauben im Alltag leben. An erster Stelle stehen nicht Programme, Projekte oder Events, sondern eine hohe Sicht des Alltäglichen. Unser geistliches Leben soll zuallererst im Alltag, für Familie, Freunde, Hobby und Beruf relevant sein. D. h., es soll sich dort ausdrücken, und das auf eine Art und Weise, die für unsere Nächsten von Bedeutung ist. Für uns ist das von Theologen so genannte ‚Priestertum aller Gläubigen‘ (alle Christen haben einen priesterlichen Dienst in der Welt) extrem wichtig. Die christliche Kirche ist eine Laienbewegung.

„…einer der Begriffe, der sich in unser christliches Vokabular hineingeschlichen, und dabei unglaublich vielen Seelen geschadet hat, ist „christlicher Vollzeitdienst“. Jedes Mal, wenn wir ihn gebrauchen, treibt es einen Keil der Missverständlichkeit zwischen unser Beten und unser Arbeiten, zwischen unser Gottesdienst Feiern und unser für den Lebensunterhalt Sorgen.“ (Eugene Peterson)

Wir schätzen jede Art von Musik, Kultur und Kunst als Ausdruck der Kreativität und Form der Kommunikation. Der christliche Glaube sollte kulturelle Vielfalt nicht zerstören, sondern feiern. Sie wird in Ewigkeit erhalten bleiben und ermöglicht ein vollständigeres Gesamtbild von Gottes Wesen. Wir glauben, dass der Wunsch, künstlerisch und schöpferisch aktiv zu sein, zu unserer Ebenbildlichkeit Gottes gehört. Außerdem ist Kunst eine Form der Kommunikation. Kunst sagt uns nicht nur etwas über Gott, sondern auch über das Innenleben und die Lebensrealität unserer Mitmenschen.

Wir wollen eine lokale Gegenkultur entwerfen. Das heißt, wir wollen eine alternative Gemeinschaft von Kölnern in Köln und für Köln sein. Nicht eine Subkultur, die sich letztendlich doch einordnen lässt, sondern eine Gegenkultur, wo wir Dinge in Frage stellen, und frei und kreativ überlegen: Wie sähe es aus, wenn die Herrschaft von Jesus in Köln anerkannt und gelebt würde? Das ist unser Experiment.

Wir wollen Verantwortung für die Menschen tragen. Jesus hat seine Gemeinde in die Welt gesandt. Im Rückzug aus der Welt sehen wir deswegen ein sich Drücken vor der gottgegebenen Verantwortung für unsere Mitmenschen. Wir haben nicht nur eine Bringschuld, was das Evangelium angeht, sondern wir sollen gemeinschaftlich Jesus in der Welt verkörpern. Dem gingen (laut Evangelien) auch gesellschaftliche, politische, und soziale Missstände und Nöte nahe. Konkrete Leiden seiner Mitmenschen ließen ihn nicht kalt. „Unsere Liebe darf sich nicht in Worten und schönen Reden erschöpfen; sie muss sich durch unser Tun als echt und wahr erweisen.“ Persönliche Evangelisation und sozial-diakonische Dienste, bzw. gesellschaftliches Engagement, sind deswegen für uns gleich wichtig. Wir finden: man darf sie nicht von einander trennen oder sogar gegen einander ausspielen.


Freundschaft (Teil 2: Freundschaft, Evangelisation & Jüngerschaft)

Wir leben in einer Zeit und einer Gesellschaft, in der alles sauber und schnell laufen soll. Unser Denken ist maschinisiert und mechanisiert. Wir wollen Abläufe optimieren, Effizienz steigern und stehen allem, was man nicht analysieren kann, eher skeptisch gegenüber.

In der geistlichen Welt, dem ‚Reich Gottes‘ ist dieses Denken allerdings Fehl am Platze. Es ist höchste Zeit, die organische Natur geistlicher Abläufe zu begreifen, und sich vor allem klar zu machen, dass wir die geistliche Welt nicht mechanisieren können. Wir müssen die Gesetze der geistlichen Welt studieren, und uns ihnen dann anpassen, wenn wir innerhalb dieser Realität erfolgreich sein wollen.

Das ist wie bei einem Surfer, der die unglaubliche Gewalt der Wellen nutzen will. Er weiß, dass es nicht möglich ist, die Welle zu zähmen. Er muss wissen, wie sich das Wasser verhält, und sich dann diesen Gesetzmäßigkeiten anpassen. Er muss sich auf die Welle einstellen – nicht umgekehrt.

Freundschaft und Evangelisation

Non-relational evangelism is a contradiction. – Evangelisation ohne Beziehung ist ein Widerspruch in sich.“ (Ed Stetzer)

Die meisten Menschen brauchen Zeit, um sich für einen geistlichen Kurswechsel zu entscheiden. Laut Statistiken braucht es im Schnitt 3 Jahre, begleitendes Gebet und kontinuierliches Zeugnis einer nahestehenden Person und am besten noch die geistliche Gemeinschaft einer Gemeinde. Auf diesem Weg wird der Suchende (der nicht selten durch eine Lebenskrise geht) Schritt für Schritt an den Glauben herangeführt. Dabei ist es für die Dauerhaftigkeit ihrer Entscheidung wichtig, möglichst häufig und auf möglichst vielfältige Weise das Evangelium kommuniziert zu bekommen.

Tim Keller schreibt: „Viele Leute haben ganz einfach eine solche Persönlichkeit, bei der Prozesse eine große Rolle spielen. Sie würden nie zum Glauben kommen, wenn sie dazu gedrängt werden. Sie müssen in Stufen kommen.“

Menschen sind keine Maschinen. Wir funktionieren nicht wie ein Programm, bei dem man nur die richtige Taste drücken muss. Gott hat uns als Teil seiner Schöpfung einfach nicht so gemacht. Deshalb ist auch sein Wirken im Menschen normalerweise ein organischer, natürlicher Prozess. Jesus vergleicht die Prozesse der geistlichen Welt mit Hefebakterien oder Samenkörnern (z. B. die ‚Königreichsgleichnisse‘ in Matthäus 13, die geistliche „Geburt“ in Johannes 3 oder der Weinstock in Johannes 15). Wir müssen ebenfalls wieder lernen, in diesen Kategorien zu denken.

Freundschaftsevangelisation ist kein Programm, dass ein Pastor einfach einführen, oder Konzept, dass er durchsetzen kann. Sie ist eigentlich etwas, das fast automatisch passiert, wenn Christen die richtige Einstellung gegenüber ihrem Umfeld und das richtige Verständnis für den Ablauf geistlicher Prozesse haben.

Das bedeutet natürlich nicht, dass man keine evangelistischen Predigten oder spezielle Strategien und Methoden zur Evangelisation braucht. Aber es bedeutet, dass man sie richtig einordnet. In gewissem Sinne sind sie nur das i-Tüpfelchen. Als Christen neigen wir dazu, uns darauf auszuruhen, dass jemand unsere Nachbarn ‚professionell‘ evangelisiert. Dieses Denken und Verhalten ist falsch – und im Innersten wissen wir das auch.

Vielleicht sind wir deshalb eingeschüchtert, weil wir uns zu sehr auf den menschlichen Teil konzentrieren. Wir verhalten uns, als wäre Evangelisation etwas, dass wir für Gott machen müssen, weil es sonst nicht getan wird. In Wirklichkeit ist es ein Werk Gottes. Weil er Liebe ist, streckt er sich immer und ständig nach allen Menschen aus. Er ist es, der allen Menschen überall befiehlt, zu ihm umzukehren (Apostelgeschichte 17,30). „Ja, Gott selbst ist es, der durch uns die Menschen ruft.“ (2. Korinther 5,20b; GNB) Wenn wir vom missionarischen Wesen Gottes echt gepackt werden, wird sich dass ganz natürlich in unseren Beziehungen zeigen: „Wer an mich glaubt, aus dessen Innerem werden Ströme lebendigen Wassers fließen, wie es in der Schrift heißt.“ (Johannes 7,38; NL). In uns wohnt der Geist Gottes, der die Welt von Sünde, Gerechtigkeit und Gericht überführt.

Freundschaft und Jüngerschaft

Jesus kam und sagte zu seinen Jüngern: »Mir ist alle Macht im Himmel und auf der Erde gegeben. Darum geht zu allen Völkern und macht sie zu Jüngern. Tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alle Gebote zu halten, die ich euch gegeben habe. Und ich versichere euch: Ich bin immer bei euch bis ans Ende der Zeit.«“ (Matthäus 28,18-20; NL)

Bei der Evangelisation geht es darum, dass Menschen der christlichen Botschaft ausgesetzt werden. Reagiert jemand auf die Botschaft positiv, haben wir den Auftrag, sie an der Hand zu nehmen und weiter zu führen. Das geschieht vor Allem durch zwei Faktoren: Gemeinschaft („Tauft sie“) und Lehre („lehrt sie“). Bei der Lehre geht es allerdings nicht bloß um das Vermitteln von Information! Jesu Befehl lautet, ihnen beizubringen, alle Gebote zu halten, nicht nur, sie zu kennen. Gebote halten lernen braucht seine Zeit – und persönliche Begleitung.

In seinem Buch „Grow“ schreibt Winfield Bevins:

Das Jüngerschaftsmodell des Neuen Testaments war natürlich und organisch. Jüngerschaft geschieht, wenn Männer und Frauen mit ihrem geistlichen Mentor Zeit verbringen.

Gleichermaßen sollten wir an den Leben der Menschen teilhaben, die wir entwickeln wollen. Wir sollten die Zeit, die wir mit den Leuten mit denen wir Jüngerschaft praktizieren wollen, fest einplanen – und zwar außerhalb der normalen Gemeindeprogramme. Wir müssen uns Zeit nehmen, um mit ihnen zu spielen, zu beten und zu essen. Das bedeutet, dass Jüngerschaft uns etwas abverlangen wird. (…) Es wird uns Zeit, Energie und emotionale Beteiligung kosten, wenn wir die Herausforderung, zu Jüngern zu machen, annehmen wollen. Ich glaube, dass hier der Hauptgrund dafür liegt, dass Gemeinden nicht mehr zu Jüngern machen: es braucht Zeit.“

Robert Coleman schreibt in „Des Meisters Plan der Evangelisation“:

Nachdem Jesus seine Leute herausgerufen hatte, machte er es sich zur Gewohnheit, bei ihnen zu sein. Dies war das Wesentliche an seinem Trainingsprogramm – seine Jünger sollten ganz einfach ihm folgen. (…) Es ist erstaunlich: Alles, was Jesus tat, um diese Männer in seinem Sinn zu unterrichten, war, sie näher zu sich selbst zu ziehen. Er war seine eigene Schule und sein eigener Lehrplan. (…) Seine Jünger waren nicht an äußerer Übereinstimmung erkennbar, nicht durch gewisse Formalitäten, sondern dadurch, dass sie bei ihm waren. So hatten sie an allem teil, was er lehrte (Joh. 18,19).“

Natürlich lernt man auch eine Menge über Bücher, Predigten und Seminare. Aber den stärksten Einfluss auf uns haben – nach meiner Erfahrung – dann doch die Menschen, mit denen wir Zeit verbringen. Aus meinem Leben kann ich bezeugen, dass ich in meinem Leben mit Jesus niemals da wäre, wo ich jetzt bin, hätte ich nicht geistliche Vorbilder und Mentoren gehabt.

Um dieses Prinzip als Gemeinde umzusetzen, brauchen wir vor Allem zwei Tugenden:

a) Demut. Jeder einzelne Christ (Pastoren und Leiter mit eingeschlossen) müssen sich selbst zuerst als Lernende, als Nachfolger verstehen. Jeder braucht dazu Freunde, die ihn/sie in dieser Nachfolge weiterbringen. Ein Freund kann in unser Leben hineinsprechen. Um das zuzulassen braucht es Demut.

b) Gegenseitige Verantwortung. Innerhalb einer Gemeinschaft sind wir füreinander verantwortlich. Haben wir jemanden, zu dem wir eine so gute Beziehung aufgebaut haben, dass wir in sein/ihr Leben hineinsprechen können? Leben wir in der Verantwortung, die wir vor Gott für unsere Geschwister haben?

(Im nächsten Teil geht es um Freundschaft und Leiterschaft. Der Artikel wird ein übersetztes Predigtskript von Falk Scissek, Pastor in der CC Freiburg sein. Auf der diesjährigen Pastorenkonferenz in Siegen predigte er über das Thema „Das Herz der Ältestenschaft“.)


soulfire DNA – Teil 10: Kontextualisierung

Im letzten Teil der soulfire DNA-Serie geht es um die Frage, wie man die christliche Botschaft auf eine relevante Art und Weise in einen bestimmten kulturellen Kontext tragen kann. Kontextualisierung ist in der Bibel ein wichtiges Thema. Das Alte Testament ist der Kontext des Neuen Testaments. Als Jesus Mensch wurde, kontextualisierte sich Gott, um die Menschen zu erreichen und erretten. Die Apostel auf dem ersten Konzil in Jerusalem (siehe Apostelgeschichte 15) aber besonders Paulus hatten ein tiefes Verständnis von kulturellen Unterschieden, Feinheiten, und der Herausforderung, das Evangelium von einer Kultur in eine andere zu bringen.

Alle Menschen sind sich darin gleich, dass sie Sünder sind. (Sünde beschreibt einen Zustand der Unabhängigkeit von Gott, in dem man sein eigener Herr und Retter sein will – sei es durch religiöse Selbstverleugnung oder areligöse Selbstbestimmung.) Gleichzeitig sind Menschen aber auch sehr unterschiedlich. Das sieht man besonders darin, wie sie gemeinschaftlich leben: in den unterschiedlichen Kulturen. Unterschiedliche Kulturen haben unterschiedliche Sprachen, unterschiedliche Werte, unterschiedliche Götzen (Wege, wie sie ihre angeborene Religiösität ausleben), unterschiedliche Fragen. Unterschiedliche Kulturen gibt es nicht nur in den verschiedenen Ländern, sondern auch innerhalb der Länder in den verschiedenen Generationen. Jede Form von Christentum ist immer auch von der Kultur geprägt, in der es gelebt wird. Tim Keller schreibt:

Es gibt kein „un-kontextualisiertes“ Christentum. Jesus kam nicht als verallgemeinertes Wesen auf diese Erde. Mensch zu werden bedeutete für ihn, ein bestimmter Mensch zu werden. Er war männlich, jüdisch, Arbeiterklasse. Es bedeutete ebenfalls, dass er als Mensch in ein bestimmtes soziales und kulturelles Umfeld hineingeboren wurde. Um zu dienen müssen wir inkarnieren, so wie Jesus es getan hat. Christliche Praktiken müssen sowohl eine biblische als auch eine kulturelle Form annehmen. Die Bibel weißt uns zum Beispiel dazu an, Gott durch Musik zu preisen. Aber sobald wir uns dann entscheiden, welche Musik wir dazu verwenden, begeben wir uns in den Bereich der Kultur. Sobald wir eine Sprache wählen, ein bestimmtes Vokabular, ein bestimmtes Level an emotionalem Ausdruck oder Intensität, sobald wir eine bestimmte Illustration in unserer Predigt verwenden, nähern wir uns dem sozialen Kontext der einen Menschen an und entfernen uns gleichzeitig vom sozialen Kontext anderer Menschen. Am Pfingsttag hörten alle die Predigt des Petrus in ihrer eigenen Sprache, ihrem eigenen Dialekt. Aber seitdem können wir nicht mehr gleichzeitig ‚allen Menschen alles werden‘. Deshalb ist die Anpassung an die Kultur unumgänglich.“ (Keller)

Kulturen sind unglaublich verschieden. Es gibt Kulturen, in denen es eine Tugend ist, zu verraten oder zu morden. In anderen Kulturen ist es sogar schon verpönt, jemandes Gefühle zu verletzen. Während die einen die Erhaltung der Familienehre als Lebensinhalt haben, dreht sich bei anderen alles darum, konsequent seinen eigenen Weg zu gehen.

Inwiefern ist die Frage nach dem kulturellen Kontext wichtig, wenn ich die christliche Botschaft zu den Menschen bringen, sie ihnen mit Worten und Taten verkündigen will? Die Antwort wird deutlich, wenn man beginnt, sich folgende Fragen zu stellen: Werden die Menschen, die ich erreichen will, meine Worte verstehen? Werden sie mein Handeln richtig deuten? Wie kann ich mit ihnen kommunizieren? Zum Kontextualisieren gehören 3 Schritte:

1. Schritt: die Botschaft kennen.

Von Anfang an war den Christen klar, dass es nicht darum ging, für jede Generation oder jede Kultur eine neue ‚frohe Botschaft‘ zu finden. „Die Schrift ist nicht ein Picknick, bei dem der Autor die Worte mitbringt und die Leser die Bedeutung.“ (Newbigin) Wir fragen uns beim Kontextualisieren also nicht einfach: „Was wäre jetzt für diese Kultur eine frohe Botschaft?“ Nein: Jesus hat seiner Gemeinde das Evangelium anvertraut. Sie soll diese Botschaft hüten, verwalten und verbreiten. Der überlieferte Glaube ist der Gemeinde „ein für allemal anvertraut“ (Judas 3). Paulus nennt die Gemeinde des lebendigen Gottes den „Pfeiler und eine Grundfeste der Wahrheit. Und groß ist, wie jedermann bekennen muss, das Geheimnis des Glaubens: Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit.“ (1. Timotheus 3,15-17) Die Väter, Doktoren und Lehrer der Kirche waren stets damit beschäftigt, Wahrheit und Lüge fein säuberlich von einander zu trennen. So wurden Irrlehrer klar benannt, und entstanden auf den ökumenischen Konzilen die wichtigen Glaubensbekenntnisse.

Unsere Aufgabe ist es, diese Botschaft wirklich zu kennen und zu verstehen. Wir müssen sehr vertraut mit ihr sein, und ihre Kraft nicht nur theoretisch kennen. Die christliche Botschaft kann man mit einem Päckchen Dynamit vergleichen – der Glaube zündet die Lunte. So wird die reinigende, heilende, lebensverändernde Kraft freigesetzt, sie entfaltet ihre volle Wirkung.  Oder mit einem Samenkorn, dass in die Erde eingepflanzt, bewässert und gewärmt werden muss, um ‚lebendig zu werden‘. Kenne ich die christliche Botschaft? Verstehe ich sie? Erlebe ich täglich ihre Kraft?

Zum verstehen der Botschaft gehört allerdings auch, dass ich realisiere, dass auch mein persönliches Verständnis des Evangeliums immer von meinem eigenen kulturellen Hintergrund geprägt ist. Ein kulturell neutrales Evangelium gibt es genauso wenig wie eine neutrale Sprache. Lesslie Newbigin schreibt:

Wir müssen bei der grundlegenden Tatsache beginnen, dass es kein reines Evangelium gibt – wenn damit eine Botschaft gemeint ist, die nicht innerhalb einer bestimmten Kultur verkörpert wurde. Die Bedeutung des einfachsten, verbalen Statements des Evangeliums, „Jesus ist Herr“, ist von dem Inhalt abhängig, den die jeweilige Kultur dem Wort „Herr“ gibt.“

Um kontextualisieren zu können, muss ich meine eigene Kultur und die Kultur desjenigen kennen, den ich mit der Botschaft erreichen will. Dann kann ich von der einen ‚Sprache‘ in die andere ‚Sprache‘ übersetzen.

2. Schritt: den Kontext studieren.

Die Menschen, mit denen ich es zu tun habe, wirklich zu kennen und zu verstehen ist ein Beweis dafür, dass ich diese Menschen liebe. Liebe ist niemals oberflächlich, sie will tief in die Gedanken vor- und in das Herz eindringen. Außerdem ist es notwendig, um sicher zu stellen, dass meine beabsichtigte Botschaft auch wirklich ankommt. Man kann die gleichen Begriffe gebrauchen, und trotzdem etwas völlig Unterschiedliches damit meinen.

Man kennt das vielleicht aus einer Liebesbeziehung. Wenn ich meinen Partner liebe, will ich ihn wirklich verstehen. Ich will sicher stellen, dass er wirklich versteht, was ich ihm sagen will. Deswegen ’studiere‘ ich meinen Partner. Ich will alles über ihn/sie wissen.

Genau so sind Christen als Botschafter von Gottes Liebe in ihr Umfeld gestellt, in ihre Welt gesandt. Dort sollen sie ihre Mitmenschen lieben, indem sie ihnen dienen und ihnen die wichtigste Botschaft der Welt vermitteln. Deswegen ist es nicht möglich, Gott in der Welt zu bezeugen, wenn ich mit dieser Welt nicht vertraut bin.

Es gab eine Phase in der Missionsgeschichte der Kirche, in der das nicht klar war. Und so brachte man den Menschen, die man ‚missionieren‘ wollte, nicht nur das Evangelium, sondern auch noch westliche Kleidung, Sprache, Lebensgewohnheiten, Regierungen, Währung, Politik – kurz: westliche Kultur. Kolonialisierung. Man trennte nicht zwischen Evangelium und Kontext. Das größte Problem dabei war die Herrschaftsbeziehung zwischen Missionaren und den zu erreichenden Menschen: der Glaube wurde den Menschen nicht vermittelt, sondern übergestülpt oder aufdiktiert.

Dann begriff man, dass sich etwas ändern musste, und fing an, Missionare gezielt auf die Kultur vorzubereiten, in welcher der Dienst getan werden sollte. Missionare passten sich der Sprache und Kultur an, lebten mitten unter den Menschen. Sie studierten den Kontext, um dann darin Jesus effektiv zu bezeugen. Sie stellten die wichtigen Fragen: Welche Teile der Kultur spiegeln bereits das Evangelium wieder, und können deswegen behalten und bestätigt werden? Welche Teile der Kultur widersprechen dem Evangelium und müssen deswegen konfrontiert und korrigiert werden? Welche Teile der Kultur sind „neutral“, und können für das Evangelium eingenommen und eingesetzt werden?

Doch was hat das jetzt alles mit unserer geplanten Gemeindegründung in Köln zu tun? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Weltmission und Gemeindegründungen von Einheimischen? Es war der (bereits zitierte) schottische Bischof Lesslie Newbigin, der einen wichtigen Beitrag zur Beantwortung dieser Frage leistete. Den Einfluss, den er im 20. Jahrhundert im Bereich Missiologie ausübte, war enorm. Als Missionar arbeitete er jahrzehntelang in Madras/Südindien. Dort sammelte er sehr viel praktische Erfahrung, was Evangelisation, Mission und Kontextualisierung anging. Als er nach Großbritannien zurückkehrte, fiel ihm auf, dass die Christen in der modernen westlichen Welt es versäumt hatten, das Evangelium für die Moderne zu kontextualisieren. Aufgrund der schnellen und drastischen gesellschaftlichen Veränderungen geschah Mission/Gemeindegründung im eigenen Land nicht mehr auf dem selben Hintergrund wie 100 Jahre zuvor. Das Evangelium musste neu kontextualisiert werden. Sein theologisches Lebenswerk entstand durch die Vertiefung dieses Themas.

Für die soulfire-Gemeindegründung bedeutet das, dass die Kultur der Stadt Köln studiert werden muss. Ich bin zwar Deutscher, aber die Unterschiede zwischen Provinz und Großstadt und zwischen liberalen Rheinländern und konservativen Südwestfalen sind groß. Wir wollen Köln kennen, verstehen und lieben lernen. Wir wollen in die Sprache, die Symbolik, die Geschichte der Stadt eintauchen. Die große Frage lautet: Wie muss es aussehen, wenn das Evangelium in Köln lebendig wird?

3. Schritt: die Fusion bewirken.

Die Fusion wird bewirkt, indem die richtigen Fragen gestellt, die richtige Botschaft gepredigt und das richtige Leben gelebt wird.

a) Die richtigen Fragen stellen: Wie kann ich den ‚Geist‘ einer Stadt, ihre Seele, kennenlernen? Was ist die symbolische Geschichte, über welche sich die Stadt definiert, nach der sie lebt (Metanarrative)?

b) Die richtige Botschaft predigen: Die Botschaft muss prophetisch sein. Die Propheten waren die Stimme Gottes aus dem Volk und für das Volk. Ihre Botschaft zeichnete sich nicht nur dadurch aus, dass sie theologisch korrekt war, sondern dass sie die Menschen in ihrer spezifischen Situation ansprach. Die Propheten lehrten, trösteten, überführten und konfrontierten ihr Volk auf einzigartige Weise. Sie durchbohrten Herzen. Sie hatten zwar auch oft eine Botschaft für die umliegenden Völker, doch die Priorität lag auf den eigenen Leuten. „Wahre Kontextualisierung räumt dem Evangelium seinen rechtmäßigen Vorrang ein: seine Kraft, jede Kultur zu durchdringen und in ihrer eigenen Sprache und ihren Symbolen in sie hinein zu sprechen, und zwar das Nein und das Ja, sowohl Gericht als auch Gnade.“ (Lesslie Newbigin)

c) Das richtige Leben leben: Das Evangelium wurde der christlichen Gemeinschaft anvertraut. Sie sollen das Evangelium bekennen, predigen und bezeugen. Christen sind dazu bestimmt, die Botschaft Gottes für ihre Stadt gemeinsam zu verkörpern. An der christlichen Gemeinschaft in einer Stadt sollen die Nichtchristen sehen können, wie es aussehen wird, wenn Gott diese Stadt regiert. Sie sind der Vorgeschmack des Himmels auf Erden in der jeweiligen Stadt.