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Treffen Nummer Vier

…diesen Sonntag geht’s um unsere Einstellung gegenüber der Geschichte, gegenüber dem Heiligen Geist und darum, was der Inhalt der Predigten sein wird. Ansonsten bleiben alle Infos gleich: 17 Uhr bei uns, Kinderbetreuung, Snacks, Getränke und Gespräche.

Wir freuen uns auf euch!

Mehr Infos zum Inhalt gibt es in der Dienstphilosophie, die letzten drei Punkte unter ‚Geistliches Leben‘.


Freundschaft (Teil 1: Freundschaft verstehen und leben)

In der Antike galt die Freundschaft als die glücklichste und menschenwürdigste aller Liebesarten, die Krone des Lebens und die Schule der Tugend. Aber die moderne Welt ignoriert sie völlig.“ (C. S. Lewis)

Freundschaft ist ein Thema, über dass man nicht genug hört. Wo lernt man, ein guter Freund zu sein, gute Freunde zu finden, und Freundschaften zu pflegen? Und auch in der christlichen Welt empfinde ich einen starken Mangel an hilfreicher Lehre und Anleitung. Dabei findet man in der Bibel zum Thema Freundschaft einiges an praktischer Weisheit – vor Allem im Buch der Sprüche.

 

 

Der Ursprung der Freundschaft.

Der Ursprung der Freundschaft ist eigentlich in der Dreieinigkeit zu finden. Christen glauben, dass es nur einen Gott gibt, der sich aber in 3 Personen manifestiert: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Bevor Gott irgendetwas schuf, gab es in der Gottheit also bereits eine Form der Gemeinschaft – oder, wenn man es so nennen will: der Freundschaft.

 

So schuf Gott auch nicht aus Einsamkeit, um endlich ein paar Freunde zu haben. Vielmehr reproduzierte er etwas, dass ihm bereits zu Eigen war. Wir sind also nicht dazu da, Gottes psychologischen Nöten zu begegnen, sondern seine herrliche Eigenschaft als dreieinigen Gott wieder zu spiegeln.

 

Und so lesen wir in der Schöpfungsgeschichte in 1. Mose 2, wie Gott sich den einzigen, einsamen Menschen anschaut, und sagt: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist“, und einen zweiten Menschen macht, dem ersten ähnlich, zu ihm passend. Gott hat Menschen für einander geschaffen, damit sie durch ihre zwischenmenschlichen Beziehungen etwas über ihn lernen und an andere weitergeben.

 

 

Faktoren einer Freundschaft.

Es braucht verschiedene Faktoren, damit eine Freundschaft entstehen kann. Ob es dabei unbedingt eine Reihenfolge gibt, weiß ich nicht. Aber folgende Punkte sind entscheidend:

 

Gemeinsamkeit. Freunde haben etwas gemeinsam. Das heißt nicht, dass sie sich immer in besonderem Maße gleichen. Freunde können sehr verschieden sein. Aber sie haben etwas, das sie eint, was als Grundlage für ihre Freundschaft dient. C. S. Lewis schreibt in „Was man Liebe nennt“:

 

Freundschaft entsteht aus bloßer Kameradschaft, wenn zwei oder mehr Kameraden entdecken, dass sie eine Einsicht, ein Interesse oder auch einen Geschmack teilen, der andern nichts bedeutet. Bis zu diesem Zeitpunkt glaubte jeder, er sei allein mit diesem Schatz (oder mit dieser Last). Typisch für eine beginnende Freundschaft wäre etwa der Satz: ‚Was? Auch du? Ich dachte, ich sei der einzige!‘“

…und weiter: „Liebende stehen sich gegenüber, ineinander versunken – Freunde stehen Seite an Seite, versunken in ein gemeinsames Anliegen.“

 

Nähe. Bei einer Freundschaft wird die Grenze vom Professionellen, Förmlichen und Distanzierten hin zum Persönlichen überschritten. Ein Freund ist am Alltag, an Details und am Innenleben seines Freundes interessiert.

 

Dazu gehört natürlich eine bestimmte Offenheit. Man muss bereit sein, sich dem Anderen zu öffnen, sich verletzlich zu machen. Auf der Grundlage des Vertrauens und der Sympathie ist das jedoch möglich.

 

Hilfe. Echte Freunde helfen sich gegenseitig. Sie helfen einander, persönlich weiter zu kommen. Dabei ist die Motivation das Interesse am Wohlergehen des Anderen.

 

Verpflichtung. Im Deutschen spricht man davon, dass Freundschaften geschlossen werden. Es ist eine Art Bund, der zwischen zwei (oder mehr) Menschen entsteht. Die Idee dahinter ist es, eine dauerhafte, bleibende Beziehung zu schaffen, die nicht durch Kleinigkeiten zerstört werden kann. „Eine Freundschaft, die beendet werden kann, hat eigentlich nie so recht begonnen.“ (Mellin de Saint-Gelais)

 

Zuneigung. Letztendlich ist Freundschaft eine Form der Liebe. Freunde mögen sich. Sie sind sich sympathisch. Ob sie dafür den Grund schon entdeckt haben oder nicht, ist zweitrangig. Manche sprechen von einer ‚Seelenverwandtschaft‘, um dieses Phänomen zu beschreiben.

 

Ohne diese Faktoren hat man keine wirkliche Freundschaft. Daher ist es ratsam, mit dem Titel ‚Freund‘ sehr sparsam umzugehen. Wenn man einen Freund gefunden hat, auf den diese Beschreibung passt, sollte man Spurgeons Rat befolgen, der schrieb: „Wenn du solch einen Menschen gefunden hast, der die Aufrichtigkeit seiner Freundschaft bewiesen hat; wenn er dir (…) treu gewesen ist, so kette dich mit Haken aus Stahl an ihm fest und lass ihn niemals los.“

 

 

Der ideale Freund.

Ein Grund für die Menschwerdung von Jesus ist sein Wunsch, mit anderen Menschen Freundschaften einzugehen. Auch wenn es vielleicht kindisch (kindlich?) klingt, aber er will tatsächlich der unsichtbare beste Freund eines jeden Menschen sein. Als Jesus auf dieser Erde lebte, hatte er Freunde. Die drei Geschwister, Maria, Martha und Lazarus. Aber vor Allem seine Jünger. Und davon ganz besonders Petrus, Johannes und Jakobus.

 

Jesus ist der ideale Freund. Das wird sichtbar, wenn man Jesus an den eben genannten Faktoren misst. Dabei wird klar, wie die großen christlichen Lehren in diesen Bereich hineinsprechen. Die wichtigsten Stellen im Neuen Testament sind die Abschnitte, in denen besondere Momente zwischen Jesus und seinen Freunden festgehalten werden: der Tod des Lazarus, das letzte Abendmahl, die Abschiedsrede an seine Jünger und sein Gebetskampf im Garten Gethsemane.

 

Gemeinsamkeit: Gott stellte durch die Inkarnation (Gott wurde in Jesus Mensch) und durch die Adoption (Gott nimmt uns in Jesus in seine Familie auf) zwei wichtige Gemeinsamkeiten auf. Jesus wurde Mensch – genau wie wir es sind. Und weil Jesus am Kreuz unseren Platz eingenommen hat, können wir jetzt Teil der Familie Gottes sein. Jesus ist unser großer Bruder, wir haben denselben himmlischen Vater. Er steht mit uns Seite an Seite.

 

Nähe: Die für eine Freundschaft so wichtige Nähe schuf Gott, indem er den Heiligen Geist sandte. Auch wenn Jesus bei der Himmelfahrt zurück zum Vater gegangen ist, so hat er doch versprochen, nie weit weg zu sein: „Ich werde euch nicht als hilflose Waisen zurücklassen; ich komme zu euch.“ (Johannes 14,18; NGÜ) „Und seid gewiss: Ich bin jeden Tag bei euch, bis zum Ende der Welt.“ (Matthäus 28,20; NGÜ) An Pfingsten sandte er den Heiligen Geist (der „Geist Jesu“), durch den er seitdem nicht nur bei uns ist, sondern in uns wohnt („Innewohnung“).

 

Offenheit: Jesus verstand den Unterschied zwischen einem Diener und einem Freund. In einer Ansprache an seine Jünger kurz vor seinem Tod sagte er: „Ich nenne euch Freunde und nicht mehr Diener. Denn ein Diener weiß nicht, was sein Herr tut; ich aber habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.“ (Johannes 15,15; NGÜ) Damit erfasste er einen der Hauptunterschiede: das Maß an Offenheit. Jesus nahm Petrus, Johannes und Jakobus mit in den Garten Gethsemane, wo er in der Nacht vor seinem Tod an seiner Aufgabe fast zerbrach, und betend Blut und Wasser schwitzte. Er öffnete sich ihnen, ließ sie wissen, wie er sich fühlte: todtraurig und einsam.

 

Hilfe: Jesus kam, um den Menschen zu helfen. Die größte Hilfe hat er dadurch gegeben, dass er am Kreuz für uns starb, um uns so vor unseren Sünden zu retten. „Niemand liebt seine Freunde mehr als der, der sein Leben für sie hergibt.“ (Johannes 15,13; NGÜ) Als idealer Freund ist er diesem Wunsch, uns zu helfen, völlig hingegeben. Er hilft uns jetzt, indem er sich für uns vor dem Vater vertritt (als stellvertretendes Sühneopfer), und indem er unsere Gebete beantwortet. Wie es in dem Kirchenlied „Welch ein Freund ist unser Jesus“ heißt: „Sind mit Sorgen wir beladen, Sei es frühe oder spät, Hilft uns sicher unser Jesus, Fliehn zu ihm wir im Gebet.“

 

Verpflichtung: Das große Symbol der Verpflichtung, die Jesus uns gegenüber eingegangen ist, sehen wir im Abendmahl: „Dann nahm er den Becher, sprach darüber das Dankgebet, gab ihnen auch den, und alle tranken daraus. Dabei sagte er zu ihnen: »Das ist mein Blut, das für alle Menschen vergossen wird. Mit ihm wird der Bund in Kraft gesetzt, den Gott jetzt mit den Menschen schließt. Ich sage euch: Ich werde keinen Wein mehr trinken, bis ich ihn neu trinken werde an dem Tag, an dem Gott sein Werk vollendet hat!«“ (Markus 14,23-25; GNB) Mit dem Abendmahl erinnern wir uns daran, dass sich Jesus uns verpflichtet hat. Sein Blut ist das Siegel unserer Freundschaft.

 

Zuneigung: Wer durch Jesus eine Beziehung zum himmlischen Vater hat, kann sich sicher sein, dass Gott uns nicht ’nur‘ liebt – er mag uns. Das ergibt sich eigentlich ganz logisch aus der Tatsache, dass er seine Jünger Freunde nennt. Sie waren ihm nicht nur in seiner Sache hilfreich, er suchte eine freundschaftliche Beziehung mit ihnen. Und wer sucht sich schon jemanden zum Freund aus, den er nicht mag? In Johannes 16,27 wird im Urtext ein Wort gebraucht, mit dem gewöhnlich die freundschaftliche Liebe beschrieben wurde. Und auch wenn man sich nicht so viel aus Wortstudien macht (vor Allem bei Johannes, der sich gerne wiederholte, und dabei leicht unterschiedliche Worte gebrauchte) – diesen Vers kann man ohne das Konzept der Freundschaft nicht verstehen: „denn der Vater liebt euch. Er liebt euch, weil ihr mich liebt und nicht daran zweifelt, dass ich von Gott gekommen bin.“ Es ist eine gegenseitige, freundschaftliche Liebe, die darauf basiert, dass wir ihm vertrauen.

 

 

Zum Nachdenken:

Für eine gute Freundschaft braucht es zwei Seiten. Das gilt für die Beziehung von uns Menschen untereinander. Es gilt aber auch für unsere Beziehung zu Jesus. Deswegen müssen wir uns fragen: bin ich ein guter Freund/eine gute Freundin gewesen? Jesus kann nur mein Freund sein, wenn ich auch sein Freund bin. Bin ich bereit, ihm nachzufolgen? Mit ihm dahin zu gehen, wo er hingehen muss? Bin ich offen dafür, seine Nähe nicht nur zuzulassen, sondern auch aktiv zu suchen? Lebe ich in Gemeinschaft mit ihm? Bin ich bereit, mich an seiner Mission (die Rettung der Welt) zu beteiligen, ihm zu ‚helfen‘? Habe ich freundschaftliche Gefühle für Jesus? Und: lebe ich verbindlich als sein Freund/seine Freundin? Um nochmal das Spurgeon-Zitat zu bemühen: Jesus hat die Aufrichtigkeit seiner Freundschaft durch seinen Tod bewiesen. Er ist treu gewesen. Deswegen sollte ich mich mit Ketten aus Stahl an ihn ketten und ihn nie wieder loslassen…

(Im nächsten Teil geht es um die Rolle der Freundschaft in den Bereichen Evangelisation, Jüngerschaft und Leiterschaft. )


soulfire DNA – Teil 8: Nach außen gewandt (Teil 1)

Was ist eine nach außen gewandte Gemeinde? Wie entsteht sie? Und warum ist diese Eigenschaft so wichtig? Um diese Fragen für die Gemeinde zu beantworten, will ich am Beispiel eines einzelnen Menschen erklären, welcher Prozess da abläuft, welche Kraft am Werk ist, und welches Ziel verfolgt wird.

Wie der Mensch tickt.

Jeder Mensch lebt für sich selbst. Bei allem, was er tut, ist er letztendlich auf sich selbst ausgerichtet. Bonhoeffer schrieb: „Sünde ist die Verkehrung des menschlichen Willens (Wesens) in sich selbst. (…) Als sündiger Akt ist jede Entscheidung, die in selbstsüchtigem Sinne fällt, zu beurteilen.“ Das heißt, Sünde ist vor Allem eine Ausrichtung – die Ausrichtung auf sich selbst.

Das kann in der Praxis ganz unterschiedlich aussehen. Da gibt es auf der einen Seite diejenigen, welche die Selbstverwirklichung zur höchsten Tugend erhoben haben. Bei denen ist das wichtigste, das höchste Gut, dass ‚man seinen eigenen Weg geht‘. Persönliche Erfüllung und persönliches Glück sind die großen Lebensziele. Zum Erreichen dieser Ziele nutzen sie zwei Mittel: Selbstfindung (eigene Persönlichkeit, Wünsche und Träume entdecken) und Selbstbefreiung (Abschütteln aller inneren oder äußeren Einschränkungen). Diese Menschen haben eine starke Sehnsucht nach Freiheit, Erfolg und Spaß. Diese Lebensinhalte verfolgen sie pragmatisch: was ihnen hilft, diese Sehnsüchte zu stillen, darf bleiben (da kann auch die Religion zu gehören), was ihnen im Weg steht, fliegt über Bord. Sie haben offensichtlich ein egozentrisches Weltbild.

Auf der anderen Seite ist die ‚alte Schule‘. Das sind die Menschen, welche versuchen, ohne Reflexion und Rebellion glücklich zu werden. Man versucht, sich anzupassen, einzufügen und unterzuordnen – sei es in der Familie, der Gesellschaft, dem Staat oder der Kirche. Man tut ‚das Gute‘ und lässt ‚das Böse‘. Oberflächlich betrachtet das krasse Gegenteil zur anderen Seite. Doch die geistliche Dynamik, die Ausrichtung, die dahinter steht, ist die selbe. Der ‚gute Mensch‘ ist genauso auf sich selbst ausgerichtet. Für ihn sind die guten Taten, das ‚brav Sein‘, sogar die Frömmigkeit nur Mittel zum Zweck. Er sehnt sich nach Geborgenheit und Sicherheit. Und das versucht er, für sich zu erreichen, indem er sich an die gesellschaftlichen Normen hält.

Verlorenheit bedeutet u. a., dass der Mensch (egal, zu welcher Gruppe er tendenziell eher gehört) nur noch sich selbst hat. „Und jeder Gemütszustand, jedes sich Verschließen des Geschöpfes in dem Verließ seines eigenen Gemüts, ist am Ende Hölle.“ (C. S. Lewis) Er kann nicht anders, als sich um sich selbst zu drehen. Selbst bei den Persönlichkeiten, die sich völlig für andere aufopfern, kann es sein, dass sie es letztendlich für das eigene Gewissen, für das eigene Seelenheil tun. Der Mensch ist „in sich selbst gekrümmt“ (Luther), er „kann nicht nicht sündigen“ (non posso non peccare – Augustinus).

„Der Mensch tendiert immer dazu, sich nach innen anstatt nach außen zu wenden, weil er sich selbst ins Zentrum des Universums stellt und nicht Gott. (…) Das ist der Mensch in seiner Rebellion gegen Gott.“ (Francis Schaeffer)

Was das Evangelium bewirkt.

Jesus ist gekommen und gestorben, um uns aus diesem Gefängnis zu befreien. Durch seinen Tod am Kreuz wird Gottes radikale Liebe zu uns deutlich. Und die Botschaft von dieser Liebe zerbricht unsere Ketten. Gott ist Liebe. Er hat uns zuerst geliebt. Als wir noch Sünder waren, ist er für uns gestorben. Wenn wir das glauben, bewirkt diese Liebe in uns Gegenliebe. Sie befähigt uns, das zu tun, was wir vorher nicht tun konnten: wir hören auf, selbstzentriert zu sein, und beginnen, uns um Gott zu drehen. Und so wird auch selbstlose Nächstenliebe möglich. Luther beschreibt diesen Vorgang wunderbar:

„Der Glaube nämlich hat die Art an sich, dass er von Gott alles Gute erwartet und allein auf ihn sich verlässt. Aus diesem Glauben heraus erkennt dann der Mensch, wie Gott so gut und gnädig ist, und aus dieser Erkenntnis heraus wird sein Herz so weich und barmherzig, dass er jedermann auch gerne so wohl tun möchte, wie er fühlt, dass ihm Gott getan hat. So bringt er seine Liebe zum Ausdruck und dient seinem Nächsten von ganzem Herzen, mit Leib und Leben, mit Gut und Ehre, mit Seele und Geist und gibt alles für ihn dran, wie Gott ihm getan hat. Darum sieht er sich auch nicht nach gesunden, hohen, starken, reichen, edlen, heiligen Leuten um, die ihn nicht brauchen, sondern nach kranken, schwachen, armen, verachteten, sündigen Menschen, denen er nützlich zu sein vermag, an denen er sein weiches Herz üben und tun kann, wie Gott ihm getan hat.“ (Luther)

Von der katholischen Seite bekommen wir diese Erklärung von Papst Benedikt XVI: „Im Gegensatz zu der noch suchenden und unbestimmten Liebe ist darin die Erfahrung von Liebe ausgedrückt, die nun wirklich Entdeckung des anderen ist und so den egoistischen Zug überwindet, der vorher noch deutlich waltete. Liebe wird nun Sorge um den anderen und für den anderen. Sie will nicht mehr sich selbst — das Versinken in der Trunkenheit des Glücks –, sie will das Gute für den Geliebten: Sie wird Verzicht, sie wird bereit zum Opfer, ja sie will es.“ (Deus Caritas Est)

Das Evangelium von Jesus Christus befreit den Menschen, der sich nur um sich selber drehen konnte, und befähigt ihn dazu, anderen Menschen zu dienen. Die Motivation ist nicht Angst vor Strafe, oder die Hoffnung, die eigene Seele retten zu können, sondern Dankbarkeit und Freude über die unverdiente Liebe Gottes. Am Anfang des Weges mit Jesus ist das Realisieren und das Umsetzen dieser Freiheit oft noch ziemlich schwach. Jesus nachzufolgen heißt, in dieser Liebe praktisch zu wachsen. So funktioniert also das Evangelium: es kommt zu einem selbstzentrierten Menschen und macht ihn zu einem Gott-zentrierten Menschen, der für seine Mitmenschen lebt.

Was das für die Gemeinde bedeutet.

Leider fällt es häufig schwer, den gedanklichen Sprung vom Einzelnen zur Gruppe zu schaffen. Selbst wenn wir kapiert haben, wie wir als Menschen ticken, und was das Evangelium beim Einzelnen bewirkt, ist uns oft nicht klar, dass wir diese Erkenntnis dann auch auf die Gemeinde übertragen müssen:

Genau wie der einzelne Mensch hat auch eine Gemeinde die natürliche, sündhafte Tendenz zur Selbstzentriertheit. Passt man nicht auf, dreht sich die Gemeinde nur um sich selbst. Sie existiert dann zum Selbstzweck. Jedem soll es ‚geistlich gut gehen‘, wobei geistliche Reife eigentlich ganz anders aussieht. Natürlich soll die Gemeinde dazu da sein, Christen zu stärken, aufzubauen und auszurüsten, damit sie im Alltag als Christen leben können. Aber starke, lebendige Christen sind eigentlich nicht das Endziel, sondern Mittel zum Zweck.

Um dem natürlichen, aber falschen Denken entgegenzuwirken, muss man bewusst das Evangelium auf die Gemeinschaft anwenden. Man muss sich mit der Frage beschäftigen, wozu das Evangelium uns als Gemeinde machen will. Wie sollte das Evangelium der Gnade Gottes eine Gemeinde formen?

Die missionale Gemeinde.

Es gibt evangelistische Gemeinden, missionarisch aktive Gemeinden und missionale Gemeinden. Bei den ersten zwei Modellen stehen eigentlich eher Aktivitäten und spezielle Dienste im Vordergrund: evangelistische Veranstaltungen und Weltmission werden ermutigt und unterstützt. Und diese Dinge sind natürlich notwendig und wichtig. Doch die missionale Gemeinde geht noch etwas weiter – oder sollte ich sagen: tiefer? Bei der missionalen Gemeinde geht es überhaupt nicht in erster Linie um Aktivitäten oder Methoden, sondern um ein theologisches Selbstverständnis: der Platz der Gemeinde in der Missio Dei.

„Missional meint eine Art Glauben und Gemeinde zu leben, die sich an der Mission Gottes orientiert und mitten im Leben stattfindet.“ (Stefan Lingott)

„Die zentrale Realität ist weder Wort noch Tat, sondern das komplette Leben der Gemeinschaft: befähigt durch den Geist, um in Christus zu leben, seine Leidenschaft zu teilen, und an der Kraft seiner Auferstehung teilzuhaben.“ (Lesslie Newbigin)

Missio Dei ist ein lateinischer Begriff, mit dem man ausdrücken will, dass Gott ein sendender Gott ist: Der Vater sandte den Sohn indie Welt. Der Vater und der Sohn sandten den Heiligen Geist in die Welt. Und Jesus sandte seine Jünger in die Welt: „Wie der Vater mich gesandt hat, so sende ich euch.“ (Johannes 20,21) Gott ist ein sendender Gott. Bei diesem Denken steht diese Eigenschaft Gottes, sein Handeln im Mittelpunkt:

„Es ist nicht die Gemeinde Gottes, die eine Mission hat, sondern der missionarische Gott, der eine Gemeinde hat.“ (Rowan Williams)

Wenn diese Realität eine Gemeinde wirklich packt, hört sie auf, sich um sich selbst zu drehen. Sie wird verstehen, dass sie in die Welt gesandt ist, um durch Verkündigung, Zeugnis, Gottesdienst und praktische Dienste dieser Welt das Heil Gottes zu bringen. Nicht nur ist jeder einzelne Christ ein Missionar für sein Umfeld – die Gemeinde ist ein Missionar. Und als guter Missionar befasst sie sich mit folgenden Fragen:

  1. Was genau ist meine Botschaft?
  2. Was genau ist meine Mission?
  3. Wem soll ich diese Botschaft bringen/dienen?
  4. Werden sie die Botschaft verstehen?
  5. Sprechen wir die selbe Sprache?
  6. Haben wir das gleiche Weltbild?
  7. Welche Hindernisse gibt es?
  8. Wie kann ich lernen, unter ihnen zu leben, ohne meine Identität zu verraten?
  9. Welche Teile ihrer Kultur kann ich übernehmen, welche verändern, welche ablehnen?

Dabei folgt die Gemeinde dem Vorbild Jesu, der durch seine Menschwerdung und seine 30 Jahre der Vorbereitung genau durch diesen Prozess gegangen ist, um die Menschen zu erreichen. Die Welt um uns herum ändert sich. Deswegen muss sich die Gemeinde diese Fragen immer wieder stellen, um Gottes Auftrag treu bleiben zu können.

Als nächstes werde ich einen Eintrag posten, in dem Tim Keller erklärt, wodurch sich eine missionale Gemeinde in einer westlichen Großstadt in der Praxis auszeichnet, also wie sie diese Fragen beantwortet.


soulfire DNA – Teil 4: Der Heilige Geist

Eine weitere wichtige Eigenschaft der Calvary Chapel Bewegung soll in der soulfire Gemeindegründung in Köln erhalten bleiben: und zwar die Rolle, die der Heilige Geist in unserem Denken und Leben spielt. Was die Person und die Hauptaufgaben des Heiligen Geistes angeht, herrscht eigentlich im ‚klassischen Christentum‘ große Übereinstimmung. Christen glauben an den Heiligen Geist, „der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird, der gesprochen hat durch die Propheten“ (aus dem Nicäno-Konstantinopolitanum). Der Heilige Geist ist Gottes (spürbare) Gegenwart in uns und um uns herum. Er ist die Kraft Gottes, die in uns, durch uns und auch unabhängig von uns bei jedem Menschen am Werk ist.

Der Heilige Geist hat sein Hauptaufgabenfeld in der Gemeinde. „Das Werk des Heiligen Geistes ist es, die aktive Gegenwart Gottes in der Welt, und insbesondere der Gemeinde, zu manifestieren.“ (Wayne Grudem) Er befähigt, reinigt, offenbart und vereint. Dadurch gibt er uns Beweise der Gegenwart und des Segens Gottes.

„Das Werk des Heiligen Geistes ist es, die aktive Gegenwart Gottes in der Welt, und insbesondere der Gemeinde, zu manifestieren.“ (Grudem)

Die Mission der Gemeinde ist eine geistliche Mission. Sie besteht aus Dingen, die eigentlich nur Gott tun kann: geistliche Segnungen, Rettung, Heilung, Vergebung und Veränderung in die Welt zu tragen. Kein Mensch kann einen anderen Menschen dazu bringen, Jesus als Herrn und Retter anzuerkennen. Deswegen ist die Gemeinde zu 100% von Gott dem Heiligen Geist abhängig. Im besten Fall sind wir als Gemeinschaft ein Kanal, durch den Gottes Wirken ungehindert fließen kann.

Eine gute Beziehung zum Heiligen Geist

Damit das möglich wird, müssen wir zum Einen als Einzelne eine gute Beziehung zum Heiligen Geist haben. Wir sollen an ihn glauben, um ihn bitten und uns komplett auf ihn verlassen. Wir werden als einzelne Christen dazu aufgerufen, mit dem Heiligen Geist zu kooperieren, ihn nicht durch unser Verhalten traurig zu machen oder sein Wirken einzudämmen. Statt dessen sollen wir „allezeit brennend im Geist“ sein.

Zum Anderen müssen wir darauf achten, dass wir dem Heiligen Geist auch in der Gemeindestruktur und im Gemeindeleben Raum geben. Wir sollen überlegen, planen und arbeiten. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass im Optimalfall der Heilige Geist sich unsere Arbeit als Werkzeug erwählt um das zu tun, was er tun will und nur er tun kann. Wie schnell ist man so besorgt und beschäftigt mit vielem Dienen, dass man keine Zeit mehr hat, um von ihm zu empfangen (siehe die Geschichte von Maria und Marta in Lukas 10,38-42)? Wie leicht passiert es, dass man den Heiligen Geist in einer Gemeinde ‚rausgeplant‘ hat… Wenn wir wollen, dass der Heilige Geist eine Gemeinde gebraucht, in ihr und durch sie wirkt, müssen wir uns davor hüten, bzw. Buße tun, wo das schon passiert ist. Unsere Beziehung zum Heiligen Geist (als Einzelne und als Gemeinde) muss immer wieder korrigiert werden.

Streitpunkt Geistesgaben

Ein Bereich, in dem besonders seit ca. 100 Jahren viel diskutiert wird, sind die sogenannten Geistesgaben. Das sind übernatürliche Befähigungen (wie z. B. das Beten in nie gelernten Sprachen, Prophetien, Heilungen, etc.), durch welche die Botschaft der Gemeinde bestätigt werden. Die Sichtweise, dass diese Geistesgaben mit der Ära der Apostel aufgehört haben, weil sie nur nötig waren, weil es noch keine Bibel gab, nennt man Cessationismus (von cessare, lat. „aufhören“). Auf der anderen Seite stehen vor Allem die Pfingstler und Charismatiker, in deren Glaubens- und Gemeindeleben diese Geistesgaben eine ganz zentrale Rolle spielen. Sie erkennen zwar an, dass die Geistesgaben während einem großen Teil der Kirchengeschichte ‚verschwunden‘ waren, erklären dies aber mit dem geistlichen Verfall, der durch Überstrukturierung (starre Traditionen und Liturgien, großer Schwerpunkt auf Ritualen) entstand.

Für mich entstehen hier zwei grundlegende Fragen: 1. Ersetzt die Bibel die Geistesgaben? und 2. Warum haben die Geistesgaben an einem bestimmten Punkt in der Kirchengeschichte fast komplett aufgehört?

Ersetzt die Bibel die Geistesgaben?

Die Kanonisierung der Bibel (die Auswahl darüber, welche Bücher in die Bibel gehören und welche nicht) ist das Herzstück christlicher Tradition. Die Bibel ist die Richtschnur des christlichen Glaubens. An ihr wird festgemacht, was Christen glauben und wie sie leben sollten. In ihr lesen wir davon, wie sich Gott in der Geschichte Israels, im Leben von Jesus, und in der ersten Gemeinde offenbart. Die Geistesgaben hingegen haben laut Paulus vor Allem die Aufgabe, Christen in ihrem Glauben zu stärken, und die Gemeinde zu einem Ort zu machen, an dem alle Menschen Gott erleben und sehen können. Sie sind ein Zeichen vom anbrechenden Reich Gottes auf dieser Erde. An keinem Punkt im Neuen Testament werden die Geistesgaben (auch nicht die Gabe der Prophetie) als normativ für den Glaubensinhalt dargestellt. Was den Glaubensinhalt (das Evangelium) angeht, sehen wir, wie Paulus sehr leidenschaftlich und heftig dafür kämpft, dass diese Botschaft ein für allemal fest steht. Gleichzeitig war er aber offen dafür, dass jemand wie der Prophet Agabus zu ihm kam, und ihm eine göttliche Botschaft übermittelte: „Der Heilige Geist erklärt: `So wird der Besitzer dieses Gürtels von den führenden Männern der jüdischen Gemeinde in Jerusalem gefesselt und den fremden Völkern ausgeliefert werden.“ (Apostelgeschichte 21,11b; NL) Dass Paulus trotzdem nach Jerusalem ging, zeigt, wie er mit dieser Weissagung umging. Sie war eine göttliche Offenbarung, bei der es aber nicht darum ging, wie er sich verhalten oder was er glauben musste. Und auch später war die Lehre der Apostel der Maßstab, an dem Prophetien gemessen wurden – nicht umgekehrt. Das sieht man z. B.  in der Apostellehre (Didache), einem frühen christlichen Dokument. In diesem Dokument finden sich klare Anweisungen, um beurteilen zu können, welcher Prophet wirklich Botschafter Gottes war, und welcher nicht.


Haben die Geistesgaben aufgehört – und wenn ja, warum?

Schaut man sich die Schriften der Kirchenväter an, werden diese Fragen relativ eindeutig beantwortet. Die Geistesgaben hörten definitiv nicht mit dem Tod des letzten Apostels (Johannes) auf. Und weder der moralische Verfall der Kirche noch die Kanonisierung der Schrift führten dazu, dass die übernatürlichen Zeichen in der/durch die Gemeinde ganz aufhörten. Das wird durch verschiedene Schriften belegt:

„Bei uns gibt es nämlich noch bis auf den heutigen Tag prophetische Charismen [Geistesgaben].“ (Justin der Märtyrer, gestorben 165)

„…indem er [Paulus] die vollkommen nennt, die den Geist Gottes empfangen haben und durch den Geist wie er selber in allen Sprachen reden. Hören wir doch auch von vielen Brüdern in der Kirche, daß sie prophetische Charismen haben, in allerhand Sprachen durch den Geist reden, das Verborgene der Menschen zu ihrem Vorteil ans Licht bringen und die Geheimnisse Gottes erklären.“ (Irenäus, gestorben 200)

„Der Apostel [Paulus] meinte, dass die Gabe der Prophetie bis zum zweiten Kommen [Jesu] in der Gemeinde vorhanden sein würde.“ (Asterius Urbanus, 232)

„In seinem [d. i. Jesu] Namen wirken deshalb seine wahren Schüler, die von ihm die Gnade empfangen haben, Wunder an den übrigen Menschen, wie ein jeder von ihm die Gnade empfangen hat. Die einen treiben wahrhaft und bestimmt Geister aus, so daß oftmals die ihnen glauben, die von den bösen Geistern befreit sind, und in die Kirche eintreten. Die andern schauen in die Zukunft, haben Gesichte und weissagen. Wieder andere legen den Kranken die Hände auf und machen sie gesund. Ja sogar Tote sind auferstanden, wie wir bereits gesagt haben, und lebten unter uns noch etliche Jahre. Doch wer vermöchte alle die Gnaden aufzuzählen, welche die Kirche auf der ganzen Welt von Gott empfängt und zum Heile der Völker im Namen Jesu Christi, des unter Pontius Pilatus gekreuzigten, Tag für Tag ausspendet.“ (Irenäus, gestorben 200)

„Und dass es der Heilige Geist war, der damals [bei Jesu Taufe] „in Gestalt einer Taube“ erschien, das beweisen meines Erachtens „die Wunder, die durch Jesus geschehen sind (…). Doch ich will mich nicht nur auf diese Wunder berufen, sondern, wie recht und billig, auch auf jene, die die Apostel Jesu gewirkt haben. Denn ohne Kraftwirkungen und Wunder hätten sie die Hörer neuer Worte und neuer Lehren nicht dazu bestimmen können, die Religion ihrer Väter zu verlassen und trotz der drohenden Todesgefahren die Lehren der Apostel anzunehmen. Und auch [jetzt] noch haben sich Spuren des Heiligen Geistes, der „in Gestalt einer Taube“ gesehen wurde, bei den Christen erhalten; denn sie treiben Dämonen aus, vollbringen viele Krankenheilungen und tun nach dem Willen Gottes manchen Blick in die Zukunft.“ (Origenes, gestorben 253/254)

Aus diesen und anderen Quellen wird deutlich, dass die Gemeinde auf jeden Fall noch in den ersten 2-3 Jahrhunderten nach ihrer Entstehung ziemlich ‚charismatisch‘ war. Und die Geistesgaben wurden mit denselben Argumenten begründet, die man aus der pfingstlichen Theologie kennt. Im 4. und 5. Jahrhundert jedoch finden sich auch folgende Aussagen:

„An anderer Stelle schreibt Irenäus: „Wie wir hören, besitzen viele Brüder der Kirche prophetische Gaben, sprechen durch den Geist in vielen Sprachen, offenbaren das Verborgene zum Nutzen der Menschen und verkünden die Geheimnisse Gottes.“ So viel über die Tatsache, daß sich noch bis zu den erwähnten Zeiten bei denen, die würdig waren, die Auszeichnung, Wunder zu wirken, erhalten hat.“ (Eusebius, gestorben ca. 340)

Eusebius blickt in seiner Aufzeichnung der frühsten Kirchengeschichte ebenfalls wehmütig auf die Zeit zurück, als die Kirche noch diese übernatürlichen Zeichen göttlicher Gunst besaß.

„Diese ganze Stelle ist sehr unklar. Doch die Unverständlichkeit stammt aus unserer Unwissenheit was die Tatsachen angeht, auf die sich hier bezogen wird; und aus ihrem Aufhören, da sie damals auftraten, jetzt aber nicht mehr geschehen. (…) Und warum geschahen sie damals, geschehen aber jetzt nicht mehr?“ (Chrysostomus, gestorben 407)

Chrysostomus sah die Geistesgaben als etwas an, dass der Kirche wegen ihrer moralischen Verkommenheit abhanden gekommen war. Er sah in den Ritualen der Kirche nur die traurigen, äußerlichen Überreste einer vergangenen, herrlichen Lebendigkeit.

„In der frühsten Zeit „fiel der Heilige Geist auf diejenigen, welche gläubig geworden waren, und sie redeten in anderen Sprachen“, welche sie nicht gelernt hatten, „wie der Heilige Geist ihnen gab auszusprechen“. Dies waren Zeichen, die dem Zeitpunkt angepasst waren. Denn es schien notwendig zu sein, dass der Heilige Geist sich in allen Sprachen manifestierte, um zu zeigen, dass das Evangelium Gottes durch alle Sprachen in der ganzen Welt sich ausbreiten sollte. Dies geschah zu einem Zeichen, und es hörte wieder auf.“ (Augustinus, gestorben 430)

Augustinus argumentiert dagegen, dass die Sprachenrede als Zeichen der Bekehrung zu verstehen sei. Vielmehr sei die Liebe das wahre Zeichen dafür, dass jemand tatsächlich gläubig geworden war. Aber auch wenn dieses Zitat so klingt, als ob für Augustinus die Sache mit den Geistesgaben abgehakt sei, findet man doch in seinem Buch „Vom Gottesstaat“ eine überraschende Auflistung von Heilungserlebnissen aus seinem eigenen Dienst bzw. Umfeld. Entschieden lehnt er Zeichen und Wunder als Grundlage für den Glauben ab. Doch er schreibt: „Denn auch jetzt noch geschehen Wunder im Namen Christi, sei es durch seine Sakramente oder durch die Gebete und Reliquien seiner Heiligen; sie treten nur nicht so ans Licht, daß sie mit so strahlendem Ruhm wie die Anfangswunder sich verbreiteten.“ (Kapitel 22) Liest man weiter, wird klar, dass er keineswegs glaubte, dass es keinerlei übernatürliche Zeichen mehr geben würde. Nur würde diesen nach der Fertigstellung des biblischen Kanons bei weitem nicht mehr derselbe Stellenwert zugemessen.

Während den folgenden Jahrhunderten wurden die Gaben des Heiligen Geistes meistens auf die ’sieben Gaben des Geistes‘ (wie Ambrosius sie aufzählte) beschränkt: Weisheit, Verstand, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit, Gottesfurcht. Doch es finden sich auch andere Beispiele, für übernatürliches Wirken Gottes, so dass der Theologe D. A. Carson zu dem Schluss kommt:

„Es gibt genügend Belege dafür, dass die Geistesgaben in irgendeiner Form (wenn auch nur sporadisch) in allen Jahrhunderten der Kirchengeschichte fortbestanden. Daher ist es lehrmäßig gesehen unsinnig, darauf zu bestehen, dass jeder Bericht seinen Ursprung in dämonischen Aktivitäten oder geistiger Verwirrung hat.“ (Showing the Spirits)


Fazit

Auch wenn die Geistesgaben in der frühen Kirchengeschichte stark nachgelassen haben, haben sie doch  nie ganz aufgehört. Das Wiederaufflammen seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts kommt nicht aus dem Nichts, sondern ist genau das: ein Fünkchen Glut, das durch den Atem Gottes wieder zu einem Feuer werden kann – in jeder Gemeinde. Die Zeugnisse aus der Kirchengeschichte sind auf gar keinen Fall so zu verstehen, dass man jetzt alles ungeprüft zulassen soll, was im Namen des Heiligen Geistes passiert. Im Gegenteil. Wir müssen nicht nur neu lernen, die Kraft und die Wirkungen des Heiligen Geistes zu suchen, sondern auch, diese Wirkungen anhand der Schriften zu prüfen – sie zu be- und manchmal auch verurteilen. Wir brauchen den Heiligen Geist. Er ist das Leben der Gemeinde.