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Gnade für Alle!

Gott lässt die Sonne über Gute und Böse scheinen und gibt den Regen den Gerechten und den Ungerechten. Er sendet fruchtbare Zeiten und schenkt Vieles, das dem allgemeinen Wohlergehen der Menschheit zuträglich ist. Zu den häufigsten Segnungen, die man zu dieser Quelle zurückverfolgen kann, zählen Gesundheit, materieller Wohlstand, allgemeine Intelligenz, Begabungen in den Bereichen der Kunst, der Musik, der Redekunst, der Architektur, des Handels und der Erfindungen. (…)

Die Allgemeine Gnade ist der Ursprung aller Ordnung, Kultiviertheit, Kultur, allgemeiner Tugend usw. in der Welt. Durch diese Dinge übt die Wahrheit verstärkt ihre moralische Kraft auf Herz und Gewissen der Menschen aus, und hält so deren böse Leidenschaften in Schach. Diese Gnade führt nicht zur Erlösung, ist aber der Grund, weshalb unsere Erde noch nicht zur Hölle geworden ist.“ (Loraine Boettner)

Gottes Segnungen sind überall, an den unterschiedlichsten und auch unwahrscheinlichsten Orten, anzutreffen. Diese Tatsache nennen Theologen ‚Allgemeine Gnade‘. ‚Allgemein‘, weil sie für alle Menschen da ist. ‚Gnade‘, weil Gott nicht darauf schaut, wer mehr oder wer weniger Segnungen verdient hätte. Er verteilt freigiebig, großzügig, an Gute und an Böse gleichermaßen.

Für uns als Gemeindegründung ist es wichtig, Allgemeine Gnade zu verstehen, und sie auf die Bereiche Kunst, Kultur und Musik anzuwenden. Warum?

Die Lehre von der allgemeinen Gnade hilft uns, Gottes Güte in der ganzen Schöpfung anzuerkennen, und befähigt uns, in einer gefallenen Welt missionarisch zu sein.“ (Tim Keller)

Gottes Güte in der ganzen Schöpfung anerkennen: Wenn der Mensch künstlerisch aktiv ist, spiegelt er damit (ob er will oder nicht) seinen Schöpfer wieder – Gott wird sichtbar. In der Kunst sehen wir Spuren von Gottes Weisheit, Schönheit und Wahrheit. Wir erleben transzendente Augenblicke wenn wir z. B. vom Anblick eines Gemäldes oder beim Hören eines Musikstücks sprachlos und überwältigt sind. Zurecht nennen wir solche Erfahrungen ‚göttlich‘. Paulus schreibt im Bezug auf das Essen: „Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.“ (1. Tim4,4-5LUT)  Gottes Güte wird in der ganzen Schöpfung sichtbar – das sollte uns dankbar machen und in uns Liebe zu Gott inspirieren.

In einer gefallenen Welt missionarisch sein: Um unsere Mitmenschen zu lieben, müssen wir sie verstehen. Kunst, Kultur und Musik sind der Schlüssel zu diesem Verständnis. Sie sagen nicht nur etwas über die Künstler selbst, sondern drücken auch immer den Zeitgeist aus (in der modernen Kunst z. B. Relativismus, Subjektivismus; in der postmodernen Kunst das Aufweichen aller Grenzen, Ängste, Unsicherheit, Zynismus, Romantik). Auch wenn wir vielleicht das Offensichtliche in der Kunst bevorzugen, und uns die Zerrissenheit, die offenen Fragen und Wunden unserer Umwelt irritieren oder verstören – wir müssen dieser Welt, die Gott liebt, in die Augen schauen.

Aber dann müssen wir uns auch überlegen, wie wir die Verbindung zum Evangelium herstellen können. Zum Beispiel das Motiv der Sehnsucht wie der Kirchenvater Augustinus als Sehnsucht nach Gott deuten. Oder in der Orientierungslosigkeit und Verunsicherung Symptome einer leidenden Gesellschaft sehen, die Gott heilen möchte. Eine missionale Gemeinde wird sich die Mühe machen, ihre Umwelt zu verstehen, und die Brücke zu ihr zu schlagen. ‚Allgemeine Gnade‘ hilft uns, nicht alles Nichtchristliche zu verteufeln, sondern Lernende und Brückenbauer zu sein.


soulfire DNA – Teil 10: Kontextualisierung

Im letzten Teil der soulfire DNA-Serie geht es um die Frage, wie man die christliche Botschaft auf eine relevante Art und Weise in einen bestimmten kulturellen Kontext tragen kann. Kontextualisierung ist in der Bibel ein wichtiges Thema. Das Alte Testament ist der Kontext des Neuen Testaments. Als Jesus Mensch wurde, kontextualisierte sich Gott, um die Menschen zu erreichen und erretten. Die Apostel auf dem ersten Konzil in Jerusalem (siehe Apostelgeschichte 15) aber besonders Paulus hatten ein tiefes Verständnis von kulturellen Unterschieden, Feinheiten, und der Herausforderung, das Evangelium von einer Kultur in eine andere zu bringen.

Alle Menschen sind sich darin gleich, dass sie Sünder sind. (Sünde beschreibt einen Zustand der Unabhängigkeit von Gott, in dem man sein eigener Herr und Retter sein will – sei es durch religiöse Selbstverleugnung oder areligöse Selbstbestimmung.) Gleichzeitig sind Menschen aber auch sehr unterschiedlich. Das sieht man besonders darin, wie sie gemeinschaftlich leben: in den unterschiedlichen Kulturen. Unterschiedliche Kulturen haben unterschiedliche Sprachen, unterschiedliche Werte, unterschiedliche Götzen (Wege, wie sie ihre angeborene Religiösität ausleben), unterschiedliche Fragen. Unterschiedliche Kulturen gibt es nicht nur in den verschiedenen Ländern, sondern auch innerhalb der Länder in den verschiedenen Generationen. Jede Form von Christentum ist immer auch von der Kultur geprägt, in der es gelebt wird. Tim Keller schreibt:

Es gibt kein „un-kontextualisiertes“ Christentum. Jesus kam nicht als verallgemeinertes Wesen auf diese Erde. Mensch zu werden bedeutete für ihn, ein bestimmter Mensch zu werden. Er war männlich, jüdisch, Arbeiterklasse. Es bedeutete ebenfalls, dass er als Mensch in ein bestimmtes soziales und kulturelles Umfeld hineingeboren wurde. Um zu dienen müssen wir inkarnieren, so wie Jesus es getan hat. Christliche Praktiken müssen sowohl eine biblische als auch eine kulturelle Form annehmen. Die Bibel weißt uns zum Beispiel dazu an, Gott durch Musik zu preisen. Aber sobald wir uns dann entscheiden, welche Musik wir dazu verwenden, begeben wir uns in den Bereich der Kultur. Sobald wir eine Sprache wählen, ein bestimmtes Vokabular, ein bestimmtes Level an emotionalem Ausdruck oder Intensität, sobald wir eine bestimmte Illustration in unserer Predigt verwenden, nähern wir uns dem sozialen Kontext der einen Menschen an und entfernen uns gleichzeitig vom sozialen Kontext anderer Menschen. Am Pfingsttag hörten alle die Predigt des Petrus in ihrer eigenen Sprache, ihrem eigenen Dialekt. Aber seitdem können wir nicht mehr gleichzeitig ‚allen Menschen alles werden‘. Deshalb ist die Anpassung an die Kultur unumgänglich.“ (Keller)

Kulturen sind unglaublich verschieden. Es gibt Kulturen, in denen es eine Tugend ist, zu verraten oder zu morden. In anderen Kulturen ist es sogar schon verpönt, jemandes Gefühle zu verletzen. Während die einen die Erhaltung der Familienehre als Lebensinhalt haben, dreht sich bei anderen alles darum, konsequent seinen eigenen Weg zu gehen.

Inwiefern ist die Frage nach dem kulturellen Kontext wichtig, wenn ich die christliche Botschaft zu den Menschen bringen, sie ihnen mit Worten und Taten verkündigen will? Die Antwort wird deutlich, wenn man beginnt, sich folgende Fragen zu stellen: Werden die Menschen, die ich erreichen will, meine Worte verstehen? Werden sie mein Handeln richtig deuten? Wie kann ich mit ihnen kommunizieren? Zum Kontextualisieren gehören 3 Schritte:

1. Schritt: die Botschaft kennen.

Von Anfang an war den Christen klar, dass es nicht darum ging, für jede Generation oder jede Kultur eine neue ‚frohe Botschaft‘ zu finden. „Die Schrift ist nicht ein Picknick, bei dem der Autor die Worte mitbringt und die Leser die Bedeutung.“ (Newbigin) Wir fragen uns beim Kontextualisieren also nicht einfach: „Was wäre jetzt für diese Kultur eine frohe Botschaft?“ Nein: Jesus hat seiner Gemeinde das Evangelium anvertraut. Sie soll diese Botschaft hüten, verwalten und verbreiten. Der überlieferte Glaube ist der Gemeinde „ein für allemal anvertraut“ (Judas 3). Paulus nennt die Gemeinde des lebendigen Gottes den „Pfeiler und eine Grundfeste der Wahrheit. Und groß ist, wie jedermann bekennen muss, das Geheimnis des Glaubens: Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit.“ (1. Timotheus 3,15-17) Die Väter, Doktoren und Lehrer der Kirche waren stets damit beschäftigt, Wahrheit und Lüge fein säuberlich von einander zu trennen. So wurden Irrlehrer klar benannt, und entstanden auf den ökumenischen Konzilen die wichtigen Glaubensbekenntnisse.

Unsere Aufgabe ist es, diese Botschaft wirklich zu kennen und zu verstehen. Wir müssen sehr vertraut mit ihr sein, und ihre Kraft nicht nur theoretisch kennen. Die christliche Botschaft kann man mit einem Päckchen Dynamit vergleichen – der Glaube zündet die Lunte. So wird die reinigende, heilende, lebensverändernde Kraft freigesetzt, sie entfaltet ihre volle Wirkung.  Oder mit einem Samenkorn, dass in die Erde eingepflanzt, bewässert und gewärmt werden muss, um ‚lebendig zu werden‘. Kenne ich die christliche Botschaft? Verstehe ich sie? Erlebe ich täglich ihre Kraft?

Zum verstehen der Botschaft gehört allerdings auch, dass ich realisiere, dass auch mein persönliches Verständnis des Evangeliums immer von meinem eigenen kulturellen Hintergrund geprägt ist. Ein kulturell neutrales Evangelium gibt es genauso wenig wie eine neutrale Sprache. Lesslie Newbigin schreibt:

Wir müssen bei der grundlegenden Tatsache beginnen, dass es kein reines Evangelium gibt – wenn damit eine Botschaft gemeint ist, die nicht innerhalb einer bestimmten Kultur verkörpert wurde. Die Bedeutung des einfachsten, verbalen Statements des Evangeliums, „Jesus ist Herr“, ist von dem Inhalt abhängig, den die jeweilige Kultur dem Wort „Herr“ gibt.“

Um kontextualisieren zu können, muss ich meine eigene Kultur und die Kultur desjenigen kennen, den ich mit der Botschaft erreichen will. Dann kann ich von der einen ‚Sprache‘ in die andere ‚Sprache‘ übersetzen.

2. Schritt: den Kontext studieren.

Die Menschen, mit denen ich es zu tun habe, wirklich zu kennen und zu verstehen ist ein Beweis dafür, dass ich diese Menschen liebe. Liebe ist niemals oberflächlich, sie will tief in die Gedanken vor- und in das Herz eindringen. Außerdem ist es notwendig, um sicher zu stellen, dass meine beabsichtigte Botschaft auch wirklich ankommt. Man kann die gleichen Begriffe gebrauchen, und trotzdem etwas völlig Unterschiedliches damit meinen.

Man kennt das vielleicht aus einer Liebesbeziehung. Wenn ich meinen Partner liebe, will ich ihn wirklich verstehen. Ich will sicher stellen, dass er wirklich versteht, was ich ihm sagen will. Deswegen ’studiere‘ ich meinen Partner. Ich will alles über ihn/sie wissen.

Genau so sind Christen als Botschafter von Gottes Liebe in ihr Umfeld gestellt, in ihre Welt gesandt. Dort sollen sie ihre Mitmenschen lieben, indem sie ihnen dienen und ihnen die wichtigste Botschaft der Welt vermitteln. Deswegen ist es nicht möglich, Gott in der Welt zu bezeugen, wenn ich mit dieser Welt nicht vertraut bin.

Es gab eine Phase in der Missionsgeschichte der Kirche, in der das nicht klar war. Und so brachte man den Menschen, die man ‚missionieren‘ wollte, nicht nur das Evangelium, sondern auch noch westliche Kleidung, Sprache, Lebensgewohnheiten, Regierungen, Währung, Politik – kurz: westliche Kultur. Kolonialisierung. Man trennte nicht zwischen Evangelium und Kontext. Das größte Problem dabei war die Herrschaftsbeziehung zwischen Missionaren und den zu erreichenden Menschen: der Glaube wurde den Menschen nicht vermittelt, sondern übergestülpt oder aufdiktiert.

Dann begriff man, dass sich etwas ändern musste, und fing an, Missionare gezielt auf die Kultur vorzubereiten, in welcher der Dienst getan werden sollte. Missionare passten sich der Sprache und Kultur an, lebten mitten unter den Menschen. Sie studierten den Kontext, um dann darin Jesus effektiv zu bezeugen. Sie stellten die wichtigen Fragen: Welche Teile der Kultur spiegeln bereits das Evangelium wieder, und können deswegen behalten und bestätigt werden? Welche Teile der Kultur widersprechen dem Evangelium und müssen deswegen konfrontiert und korrigiert werden? Welche Teile der Kultur sind „neutral“, und können für das Evangelium eingenommen und eingesetzt werden?

Doch was hat das jetzt alles mit unserer geplanten Gemeindegründung in Köln zu tun? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Weltmission und Gemeindegründungen von Einheimischen? Es war der (bereits zitierte) schottische Bischof Lesslie Newbigin, der einen wichtigen Beitrag zur Beantwortung dieser Frage leistete. Den Einfluss, den er im 20. Jahrhundert im Bereich Missiologie ausübte, war enorm. Als Missionar arbeitete er jahrzehntelang in Madras/Südindien. Dort sammelte er sehr viel praktische Erfahrung, was Evangelisation, Mission und Kontextualisierung anging. Als er nach Großbritannien zurückkehrte, fiel ihm auf, dass die Christen in der modernen westlichen Welt es versäumt hatten, das Evangelium für die Moderne zu kontextualisieren. Aufgrund der schnellen und drastischen gesellschaftlichen Veränderungen geschah Mission/Gemeindegründung im eigenen Land nicht mehr auf dem selben Hintergrund wie 100 Jahre zuvor. Das Evangelium musste neu kontextualisiert werden. Sein theologisches Lebenswerk entstand durch die Vertiefung dieses Themas.

Für die soulfire-Gemeindegründung bedeutet das, dass die Kultur der Stadt Köln studiert werden muss. Ich bin zwar Deutscher, aber die Unterschiede zwischen Provinz und Großstadt und zwischen liberalen Rheinländern und konservativen Südwestfalen sind groß. Wir wollen Köln kennen, verstehen und lieben lernen. Wir wollen in die Sprache, die Symbolik, die Geschichte der Stadt eintauchen. Die große Frage lautet: Wie muss es aussehen, wenn das Evangelium in Köln lebendig wird?

3. Schritt: die Fusion bewirken.

Die Fusion wird bewirkt, indem die richtigen Fragen gestellt, die richtige Botschaft gepredigt und das richtige Leben gelebt wird.

a) Die richtigen Fragen stellen: Wie kann ich den ‚Geist‘ einer Stadt, ihre Seele, kennenlernen? Was ist die symbolische Geschichte, über welche sich die Stadt definiert, nach der sie lebt (Metanarrative)?

b) Die richtige Botschaft predigen: Die Botschaft muss prophetisch sein. Die Propheten waren die Stimme Gottes aus dem Volk und für das Volk. Ihre Botschaft zeichnete sich nicht nur dadurch aus, dass sie theologisch korrekt war, sondern dass sie die Menschen in ihrer spezifischen Situation ansprach. Die Propheten lehrten, trösteten, überführten und konfrontierten ihr Volk auf einzigartige Weise. Sie durchbohrten Herzen. Sie hatten zwar auch oft eine Botschaft für die umliegenden Völker, doch die Priorität lag auf den eigenen Leuten. „Wahre Kontextualisierung räumt dem Evangelium seinen rechtmäßigen Vorrang ein: seine Kraft, jede Kultur zu durchdringen und in ihrer eigenen Sprache und ihren Symbolen in sie hinein zu sprechen, und zwar das Nein und das Ja, sowohl Gericht als auch Gnade.“ (Lesslie Newbigin)

c) Das richtige Leben leben: Das Evangelium wurde der christlichen Gemeinschaft anvertraut. Sie sollen das Evangelium bekennen, predigen und bezeugen. Christen sind dazu bestimmt, die Botschaft Gottes für ihre Stadt gemeinsam zu verkörpern. An der christlichen Gemeinschaft in einer Stadt sollen die Nichtchristen sehen können, wie es aussehen wird, wenn Gott diese Stadt regiert. Sie sind der Vorgeschmack des Himmels auf Erden in der jeweiligen Stadt.


Jesus und Kultur

Weil Jesus in derselben Gegend, in der er geboren und aufgewachsen war auch wirkte, übersieht man sehr leicht die Tatsache, dass er als Gottes auf die Erde gesandter Sohn trotzdem ein Missionar war. Das er dieses Selbstverständnis hatte, wird besonders im Johannesevangelium deutlich, in dem über 40 Mal berichtet wird, wie Jesus davon spricht, dass er vom Vater in die Welt gesandt ist.

Jesus wusste: Sein Auftrag war es, innerhalb der jüdischen Kultur Israels seiner Zeit Gottes Charakter zu offenbaren. Die ersten 30 Jahre seines Lebens auf der Erde verbrachte er damit, einer von ihnen zu werden. Nur so konnte er ein Mittler, ein Vermittler und ein Übersetzer zwischen der geistlichen Welt und seinem Umfeld sein. Dass er so arbeitete, sieht man an den Gleichnissen, die er erzählte, aber auch in seinem Verhalten im Umgang mit Menschen und in Einzelgesprächen. Lukas Kapitel 14 ist ein gutes Beispiel dafür.

An einem Sabbat war Jesus im Haus eines hochrangigen Pharisäers. Die Leute beobachteten ihn genau.“ (1)

Jesus nimmt am kulturellen Leben teil, indem er die Einladung eines leitenden Pharisäers annimmt. Die jüdische Kultur, in die ihn der Vater gesandt hatte, war stark religiös und moralistisch. Die Tischgemeinschaft des Pharisäers ist in gewisser Weise das symbolische Herz dieser Kultur.

Es befand sich dort ein Mann, dessen Gliedmaßen geschwollen waren. Jesus fragte die Pharisäer und Gesetzeskenner: »Ist es nun nach dem Gesetz erlaubt, Menschen am Sabbat zu heilen, oder nicht?« Als sie nicht antworten wollten, berührte Jesus den kranken Mann, heilte ihn und schickte ihn fort. Dann wandte er sich an sie und fragte: »Wer von euch würde am Sabbat nicht arbeiten, wenn es nötig ist? Wenn euer Sohn oder euer Ochse in einen Graben fällt, geht ihr dann nicht sofort hin und zieht ihn heraus?« Und wieder wussten sie keine Antwort.“ (2-6)

„Jesus begann“ (Elberfelder Übersetzung) = er initiiert ein Gespräch, in welchem er konfrontiert und lehrt. Seine Fragen sind so präzise, weil er die Menschen und ihren Umgang mit der eigenen Kultur so gut kannte. Er kannte auch ihre Doppelmoral und traf so mit seinen Fragen voll ins Schwarze: „sie konnten ihm darauf nicht antworten.“

Seine Lektion für seine Kultur: Barmherzigkeit (innerlich) statt äußerlicher Frömmigkeit. Er zeigt den Unterschied zum Reich Gottes auf.

Als Jesus sah, dass alle, die zum Essen gekommen waren, sich einen Platz am oberen Ende des Tischs aussuchten, sagte er zu ihnen: »Wenn du zu einem Hochzeitsfest eingeladen bist, strebe nicht nach dem besten Platz. Denn was ist, wenn jemand eingeladen wurde, der angesehener ist als du? Der Gastgeber wird sagen: `Lass diesen Mann hier Platz nehmen.´ Und dann musst du beschämt aufstehen und zum letzten Platz gehen, der übrig geblieben ist! Setz dich stattdessen zunächst ans untere Tischende. Wenn dein Gastgeber dich dann sieht, wird er kommen und sagen: `Freund, wir haben aber einen besseren Platz für dich!´ So wirst du vor allen anderen Gästen geehrt werden. Denn die Stolzen werden gedemütigt, die Demütigen aber geehrt werden.« Dann wandte er sich an seinen Gastgeber: »Wenn du mittags oder abends Gäste zum Essen einlädst, dann lade nicht deine Freunde, Brüder, Verwandten oder reichen Nachbarn ein. Denn sie werden es dir vergelten, indem sie dich ebenfalls einladen. Lade vielmehr die Armen, die Krüppel, die Gelähmten und die Blinden ein. Bei der Auferstehung der Gottesfürchtigen wird Gott dich belohnen, weil du Menschen eingeladen hast, die es dir nicht vergelten konnten.« Als ein Mann, der mit Jesus am Tisch saß, das hörte, rief er aus: »Gesegnet sind die, die am Festessen im Reich Gottes teilnehmen!« Jesus antwortete ihm mit folgendem Gleichnis: »Ein Mann bereitete ein großes Fest vor und verschickte viele Einladungen. Als alles vorbereitet war, sandte er seinen Diener aus, der den Gästen sagen sollte, dass es Zeit war, zum Fest zu kommen. Aber sie fingen alle an, Entschuldigungen vorzubringen. Einer sagte, er habe gerade ein Feld gekauft und wolle es nun begutachten; er bat, ihn deshalb zu entschuldigen. Ein anderer erklärte, dass er gerade fünf Paar Ochsen gekauft habe und sie prüfen wolle. Wieder ein anderer hatte gerade geheiratet und meinte, er könne deshalb nicht kommen. Der Diener kam zurück und berichtete seinem Herrn, was sie gesagt hatten. Da wurde der Herr zornig und sagte: `Geh hinaus auf die Straßen und Wege der Stadt und lade die Armen, die Krüppel, die Lahmen und die Blinden ein.´ Der Diener tat, was ihm aufgetragen worden war, und berichtete dann: `Wir haben noch Platz für weitere Gäste.´ Da sagte sein Herr: `Geh hinaus auf die Landstraßen und hinter die Hecken und bitte jeden, den du findest, zu kommen, damit das Haus voll wird. Denn keiner von denen, die ich zuerst eingeladen habe, soll auch nur das Geringste von dem bekommen, was ich für sie vorbereitet hatte.´« (7-24)

Er spricht gezielt die unterschiedlichen Gruppen an („zu den Eingeladenen“ in Vers 7, „zu dem, der ihn eingeladen hatte“ in Vers 12), bzw. reagiert spontan auf aufkommende Einwürfe (Verse 15-16). Dabei erklärt er ihnen, wie es aussehen müsste, wenn das Reich Gottes ihre fromme Kultur durchdringen würde, bzw. leitet sie dazu an, sich entsprechend zu verhalten (Verse 7-14). Er nimmt ihre Kultur und erklärt das Evangelium durch sie. Er erklärt, was es heißt, in dieser Kultur Christ zu sein.

Eine große Menschenmenge begleitete Jesus. Er wandte sich um und sagte zu ihnen: »Wer mir nachfolgen will, muss mich mehr lieben als Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern – ja, mehr als sein Leben. Sonst kann er nicht mein Jünger sein. Und ihr könnt auch nicht meine Jünger sein, wenn ihr nicht euer Kreuz auf euch nehmt und mir nachfolgt.“ (25-27)

Diese Aussagen (Hass für die Familie und Tragen des Kreuzes) sind eine bewusste Konfrontation, nicht nur der Kultur, sondern des Einzelnen innerhalb der Kultur. Wie drastisch diese Aussagen sind, wird einem klar, wenn man folgendes bedenkt:

  1. Der Stellenwert der Familie in der orientalischen Kultur. Seine Familie zu hassen ist die Kultur mit Füßen zu treten.
  2. Die Bedeutung des Kreuzes in dieser Kultur: erniedrigendes Symbol römischer Unterdrückung (gekreuzigt wurden vor Allem Nichtrömer und Sklaven) und beschämendes Symbol göttlichen Fluches. („Verflucht ist jeder, der am Kreuze hängt.“ 5. Mose 21,23)

Natürlich tritt Jesus hier nicht aus Unwissenheit in kulturelle Fettnäpfchen – die offensiven Implikationen seiner Aussagen sind im völlig bewusst und beabsichtigt. Er drückt sich bewusst so aus, um wachzurütteln und die Radikalität seiner Botschaft zu verdeutlichen. Er wollte sich nicht brav in die Kultur einfügen, sich darin auflösen und einfach ein Teil davon werden. Er macht sich durch seine Aussagen bewusst zum Stein des Anstoßes, um seinen rechtmäßigen Platz über der Kultur einzunehmen. Denn obwohl er als Mensch Teil und Produkt seines kulturellen Umfeldes war, steht er doch als Gottes Sohn über ihr.

Aber kommt nicht, ehe ihr nicht die Kosten berechnet habt. Denn wer würde mit dem Bau eines Hauses beginnen, ohne zuvor die Kosten zu überschlagen und zu prüfen, ob das Geld reicht, um alle Rechnungen zu bezahlen? Sonst stellt er vielleicht das Fundament fertig, und dann geht ihm das Geld aus. Wie würden ihn da alle auslachen! Sie würden sagen: `Das ist der, der mit dem Bau eines Hauses angefangen hat und dann nicht genug Geld hatte, es fertig zu stellen!´ Oder welcher König käme je auf den Gedanken, in den Krieg zu ziehen, ohne sich zuvor mit seinen Beratern zusammenzusetzen und zu erörtern, ob seine Armee von zehntausend Soldaten stark genug ist, die zwanzigtausend Soldaten zu besiegen, die gegen ihn aufmarschieren? Wenn er dazu nicht in der Lage ist, wird er dem Feind, wenn dieser noch weit weg ist, Unterhändler entgegenschicken und versuchen, einen Frieden auszuhandeln. Genauso kann auch niemand mein Jünger sein, ohne alles für mich aufzugeben.“ (28-33)

Das wird in seiner Erklärung deutlich: er fordert den ersten Platz im Herzen seiner Nachfolger – ein Platz, der nur Gott selbst vorbehalten ist. Dabei spricht er auf faszinierende Weise in die Kultur hinein. Es ist, als würde er sagen: „Die Familie ist für euch unglaublich wichtig. Aber ich bin wichtiger! Seid ihr bereit, das anzuerkennen, eure Werte von mir verschieben zu lassen? Mir gehört der Platz in euren Herzen/in eurer Kultur, der im Moment durch die Familie besetzt ist.“ und „Nationaler und religiöser Stolz sind euch unheimlich wichtig. Keiner trägt freiwillig das Symbol der Schande, es widerspricht eurem patriotischen Ehrgefühl. Aber ich bin wichtiger als eure Frömmigkeit oder euer Patriotismus. Seid ihr bereit, diese Dinge für mich aufzugeben, um mir nachzufolgen? Der Platz, den die Ehre in euren Herzen/eurer Kultur einnimmt – der steht mir zu. Werdet ihr ihn für mich räumen?“

Seine Interaktion mit den Menschen, sei es im privaten (1-24) oder im öffentlichen Bereich (25-33) zeigt sein tiefes Verständnis der jüdischen Kultur. Nur wenn man seine Botschaft vor diesem Hintergrund sieht, begreift man, wie hart, wie provokant und wie bohrend sie tatsächlich ist. Und man merkt, dass man sich anstrengen muss, um diese Worte für sein eigenes Herz und für die Menschen um sich herum anzuwenden.

Salz ist gut zum Würzen. Aber wie macht man es wieder salzig, wenn es seine Würzkraft verliert? Geschmackloses Salz eignet sich weder für den Boden noch als Dünger. Es wird weggeworfen. Wer bereit ist zu hören, soll zuhören und begreifen!« (34-35)

Eins ist sicher: diese Warnung sollte im Kontext des Kapitels verstanden und dann vom Einzelnen und der Gemeinde beachtet werden. Jesu Worte sind Salz in der Gesellschaft. Sie haben eine reinigende, durchdringende Kraft. Aber was soll Gott mit einer Gemeinde machen, die ihre Salzigkeit innerhalb der jeweiligen Kultur verloren hat – und das passiert, wenn sie sich nicht als in die Kultur gesandten Missionar versteht –? Diese Gemeinde ist kraftlos, sie bewirkt nichts, sie erfüllt ihren Zweck nicht und ist in diesem Sinne unnütz geworden. Ein hartes Urteil.


soulfire DNA – Teil 8: Nach außen gewandt (Teil 1)

Was ist eine nach außen gewandte Gemeinde? Wie entsteht sie? Und warum ist diese Eigenschaft so wichtig? Um diese Fragen für die Gemeinde zu beantworten, will ich am Beispiel eines einzelnen Menschen erklären, welcher Prozess da abläuft, welche Kraft am Werk ist, und welches Ziel verfolgt wird.

Wie der Mensch tickt.

Jeder Mensch lebt für sich selbst. Bei allem, was er tut, ist er letztendlich auf sich selbst ausgerichtet. Bonhoeffer schrieb: „Sünde ist die Verkehrung des menschlichen Willens (Wesens) in sich selbst. (…) Als sündiger Akt ist jede Entscheidung, die in selbstsüchtigem Sinne fällt, zu beurteilen.“ Das heißt, Sünde ist vor Allem eine Ausrichtung – die Ausrichtung auf sich selbst.

Das kann in der Praxis ganz unterschiedlich aussehen. Da gibt es auf der einen Seite diejenigen, welche die Selbstverwirklichung zur höchsten Tugend erhoben haben. Bei denen ist das wichtigste, das höchste Gut, dass ‚man seinen eigenen Weg geht‘. Persönliche Erfüllung und persönliches Glück sind die großen Lebensziele. Zum Erreichen dieser Ziele nutzen sie zwei Mittel: Selbstfindung (eigene Persönlichkeit, Wünsche und Träume entdecken) und Selbstbefreiung (Abschütteln aller inneren oder äußeren Einschränkungen). Diese Menschen haben eine starke Sehnsucht nach Freiheit, Erfolg und Spaß. Diese Lebensinhalte verfolgen sie pragmatisch: was ihnen hilft, diese Sehnsüchte zu stillen, darf bleiben (da kann auch die Religion zu gehören), was ihnen im Weg steht, fliegt über Bord. Sie haben offensichtlich ein egozentrisches Weltbild.

Auf der anderen Seite ist die ‚alte Schule‘. Das sind die Menschen, welche versuchen, ohne Reflexion und Rebellion glücklich zu werden. Man versucht, sich anzupassen, einzufügen und unterzuordnen – sei es in der Familie, der Gesellschaft, dem Staat oder der Kirche. Man tut ‚das Gute‘ und lässt ‚das Böse‘. Oberflächlich betrachtet das krasse Gegenteil zur anderen Seite. Doch die geistliche Dynamik, die Ausrichtung, die dahinter steht, ist die selbe. Der ‚gute Mensch‘ ist genauso auf sich selbst ausgerichtet. Für ihn sind die guten Taten, das ‚brav Sein‘, sogar die Frömmigkeit nur Mittel zum Zweck. Er sehnt sich nach Geborgenheit und Sicherheit. Und das versucht er, für sich zu erreichen, indem er sich an die gesellschaftlichen Normen hält.

Verlorenheit bedeutet u. a., dass der Mensch (egal, zu welcher Gruppe er tendenziell eher gehört) nur noch sich selbst hat. „Und jeder Gemütszustand, jedes sich Verschließen des Geschöpfes in dem Verließ seines eigenen Gemüts, ist am Ende Hölle.“ (C. S. Lewis) Er kann nicht anders, als sich um sich selbst zu drehen. Selbst bei den Persönlichkeiten, die sich völlig für andere aufopfern, kann es sein, dass sie es letztendlich für das eigene Gewissen, für das eigene Seelenheil tun. Der Mensch ist „in sich selbst gekrümmt“ (Luther), er „kann nicht nicht sündigen“ (non posso non peccare – Augustinus).

„Der Mensch tendiert immer dazu, sich nach innen anstatt nach außen zu wenden, weil er sich selbst ins Zentrum des Universums stellt und nicht Gott. (…) Das ist der Mensch in seiner Rebellion gegen Gott.“ (Francis Schaeffer)

Was das Evangelium bewirkt.

Jesus ist gekommen und gestorben, um uns aus diesem Gefängnis zu befreien. Durch seinen Tod am Kreuz wird Gottes radikale Liebe zu uns deutlich. Und die Botschaft von dieser Liebe zerbricht unsere Ketten. Gott ist Liebe. Er hat uns zuerst geliebt. Als wir noch Sünder waren, ist er für uns gestorben. Wenn wir das glauben, bewirkt diese Liebe in uns Gegenliebe. Sie befähigt uns, das zu tun, was wir vorher nicht tun konnten: wir hören auf, selbstzentriert zu sein, und beginnen, uns um Gott zu drehen. Und so wird auch selbstlose Nächstenliebe möglich. Luther beschreibt diesen Vorgang wunderbar:

„Der Glaube nämlich hat die Art an sich, dass er von Gott alles Gute erwartet und allein auf ihn sich verlässt. Aus diesem Glauben heraus erkennt dann der Mensch, wie Gott so gut und gnädig ist, und aus dieser Erkenntnis heraus wird sein Herz so weich und barmherzig, dass er jedermann auch gerne so wohl tun möchte, wie er fühlt, dass ihm Gott getan hat. So bringt er seine Liebe zum Ausdruck und dient seinem Nächsten von ganzem Herzen, mit Leib und Leben, mit Gut und Ehre, mit Seele und Geist und gibt alles für ihn dran, wie Gott ihm getan hat. Darum sieht er sich auch nicht nach gesunden, hohen, starken, reichen, edlen, heiligen Leuten um, die ihn nicht brauchen, sondern nach kranken, schwachen, armen, verachteten, sündigen Menschen, denen er nützlich zu sein vermag, an denen er sein weiches Herz üben und tun kann, wie Gott ihm getan hat.“ (Luther)

Von der katholischen Seite bekommen wir diese Erklärung von Papst Benedikt XVI: „Im Gegensatz zu der noch suchenden und unbestimmten Liebe ist darin die Erfahrung von Liebe ausgedrückt, die nun wirklich Entdeckung des anderen ist und so den egoistischen Zug überwindet, der vorher noch deutlich waltete. Liebe wird nun Sorge um den anderen und für den anderen. Sie will nicht mehr sich selbst — das Versinken in der Trunkenheit des Glücks –, sie will das Gute für den Geliebten: Sie wird Verzicht, sie wird bereit zum Opfer, ja sie will es.“ (Deus Caritas Est)

Das Evangelium von Jesus Christus befreit den Menschen, der sich nur um sich selber drehen konnte, und befähigt ihn dazu, anderen Menschen zu dienen. Die Motivation ist nicht Angst vor Strafe, oder die Hoffnung, die eigene Seele retten zu können, sondern Dankbarkeit und Freude über die unverdiente Liebe Gottes. Am Anfang des Weges mit Jesus ist das Realisieren und das Umsetzen dieser Freiheit oft noch ziemlich schwach. Jesus nachzufolgen heißt, in dieser Liebe praktisch zu wachsen. So funktioniert also das Evangelium: es kommt zu einem selbstzentrierten Menschen und macht ihn zu einem Gott-zentrierten Menschen, der für seine Mitmenschen lebt.

Was das für die Gemeinde bedeutet.

Leider fällt es häufig schwer, den gedanklichen Sprung vom Einzelnen zur Gruppe zu schaffen. Selbst wenn wir kapiert haben, wie wir als Menschen ticken, und was das Evangelium beim Einzelnen bewirkt, ist uns oft nicht klar, dass wir diese Erkenntnis dann auch auf die Gemeinde übertragen müssen:

Genau wie der einzelne Mensch hat auch eine Gemeinde die natürliche, sündhafte Tendenz zur Selbstzentriertheit. Passt man nicht auf, dreht sich die Gemeinde nur um sich selbst. Sie existiert dann zum Selbstzweck. Jedem soll es ‚geistlich gut gehen‘, wobei geistliche Reife eigentlich ganz anders aussieht. Natürlich soll die Gemeinde dazu da sein, Christen zu stärken, aufzubauen und auszurüsten, damit sie im Alltag als Christen leben können. Aber starke, lebendige Christen sind eigentlich nicht das Endziel, sondern Mittel zum Zweck.

Um dem natürlichen, aber falschen Denken entgegenzuwirken, muss man bewusst das Evangelium auf die Gemeinschaft anwenden. Man muss sich mit der Frage beschäftigen, wozu das Evangelium uns als Gemeinde machen will. Wie sollte das Evangelium der Gnade Gottes eine Gemeinde formen?

Die missionale Gemeinde.

Es gibt evangelistische Gemeinden, missionarisch aktive Gemeinden und missionale Gemeinden. Bei den ersten zwei Modellen stehen eigentlich eher Aktivitäten und spezielle Dienste im Vordergrund: evangelistische Veranstaltungen und Weltmission werden ermutigt und unterstützt. Und diese Dinge sind natürlich notwendig und wichtig. Doch die missionale Gemeinde geht noch etwas weiter – oder sollte ich sagen: tiefer? Bei der missionalen Gemeinde geht es überhaupt nicht in erster Linie um Aktivitäten oder Methoden, sondern um ein theologisches Selbstverständnis: der Platz der Gemeinde in der Missio Dei.

„Missional meint eine Art Glauben und Gemeinde zu leben, die sich an der Mission Gottes orientiert und mitten im Leben stattfindet.“ (Stefan Lingott)

„Die zentrale Realität ist weder Wort noch Tat, sondern das komplette Leben der Gemeinschaft: befähigt durch den Geist, um in Christus zu leben, seine Leidenschaft zu teilen, und an der Kraft seiner Auferstehung teilzuhaben.“ (Lesslie Newbigin)

Missio Dei ist ein lateinischer Begriff, mit dem man ausdrücken will, dass Gott ein sendender Gott ist: Der Vater sandte den Sohn indie Welt. Der Vater und der Sohn sandten den Heiligen Geist in die Welt. Und Jesus sandte seine Jünger in die Welt: „Wie der Vater mich gesandt hat, so sende ich euch.“ (Johannes 20,21) Gott ist ein sendender Gott. Bei diesem Denken steht diese Eigenschaft Gottes, sein Handeln im Mittelpunkt:

„Es ist nicht die Gemeinde Gottes, die eine Mission hat, sondern der missionarische Gott, der eine Gemeinde hat.“ (Rowan Williams)

Wenn diese Realität eine Gemeinde wirklich packt, hört sie auf, sich um sich selbst zu drehen. Sie wird verstehen, dass sie in die Welt gesandt ist, um durch Verkündigung, Zeugnis, Gottesdienst und praktische Dienste dieser Welt das Heil Gottes zu bringen. Nicht nur ist jeder einzelne Christ ein Missionar für sein Umfeld – die Gemeinde ist ein Missionar. Und als guter Missionar befasst sie sich mit folgenden Fragen:

  1. Was genau ist meine Botschaft?
  2. Was genau ist meine Mission?
  3. Wem soll ich diese Botschaft bringen/dienen?
  4. Werden sie die Botschaft verstehen?
  5. Sprechen wir die selbe Sprache?
  6. Haben wir das gleiche Weltbild?
  7. Welche Hindernisse gibt es?
  8. Wie kann ich lernen, unter ihnen zu leben, ohne meine Identität zu verraten?
  9. Welche Teile ihrer Kultur kann ich übernehmen, welche verändern, welche ablehnen?

Dabei folgt die Gemeinde dem Vorbild Jesu, der durch seine Menschwerdung und seine 30 Jahre der Vorbereitung genau durch diesen Prozess gegangen ist, um die Menschen zu erreichen. Die Welt um uns herum ändert sich. Deswegen muss sich die Gemeinde diese Fragen immer wieder stellen, um Gottes Auftrag treu bleiben zu können.

Als nächstes werde ich einen Eintrag posten, in dem Tim Keller erklärt, wodurch sich eine missionale Gemeinde in einer westlichen Großstadt in der Praxis auszeichnet, also wie sie diese Fragen beantwortet.


Tim Keller: Warum Gemeinden gründen?

Sowohl Christen als auch Nichtchristen beschäftigt diese Frage. Tim Keller, Pastor der Redeemer Presbyterian Church in Manhattan, NY, beantwortet sie ausführlich in seinem Vortrag. Hier das Predigtskript auf Deutsch:

Warum Gemeinden gründen?

(Tim Keller)

Aktives, ständiges Gründen von neuen Gemeinden ist die beste und wichtigste Strategie um 1) das zahlenmäßige Wachstum im Leib Christi in einer Stadt und 2) die konstante, gemeinschaftliche Erneuerung und Erweckung von bereits existenten Gemeinden einer Stadt zu sichern. Nichts anderes – weder Großevangelisationen, noch Missionsprogramme, noch christliche Werke, noch wachsende Megachurches, noch Gemeindeberatung, noch Methoden zur Gemeindeerneuerung – wird einen so bleibenden Eindruck hinterlassen wie dynamisches, großflächig angelegtes Gründen von neuen Gemeinden.

Das ist eine provokante Aussage. Aber für diejenigen, welche sich auch nur ein wenig mit diesem Thema beschäftigt haben, ist sie völlig unumstritten. Die übliche Reaktion auf das Gesprächsthema ‚Gemeindegründung‘ sieht meistens folgendermaßen aus:

„Wir haben schon genug Gemeinden, und alle haben noch viel Platz für neue Leute. Lasst uns diese Gemeinden doch erstmal voll bekommen, bevor wir anfangen, neue Gemeinden zu bauen.“

„Jede Gemeinde in unserer Stadt war schon mal voller als sie es jetzt ist. Die Anzahl der Gemeindegänger sinkt stetig. Eine neue Gemeinde an diesem Ort wird nur von den Gemeinden, die sowieso schon leiden, Leute abziehen, und damit alle Anderen schwächen.“

„Hilf doch erstmal den kämpfenden Gemeinden! Eine neue Gemeinde hilft nicht den anderen Gemeinden, die sich gerade noch so über Wasser halten nicht. Wir brauchen nicht mehr Gemeinden sondern bessere Gemeinden.“

Vielen Menschen erscheinen diese Aussagen als logisch. Aber sie ruhen auf verschiedenen falschen Annahmen. Diese Denkfehler sieht man, wenn man für sich selbst die Frage beantwortet, warum Gemeindegründungen so unglaublich wichtig sind.

Wir wollen dem biblischen Auftrag Folge leisten!

Jesu Auftrag war in Wirklichkeit ein Ruf zur Gemeindegründung

Fast alle großen evangelistischen Herausforderungen des neuen Testaments sind letztendlich ein Ruf, Gemeinden zu gründen, und nicht bloß den Glauben weiterzugeben. Der ‚Missionsbefehl‘ (Matthäus 28,18-20) enthält nicht nur den Auftrag ‚zu Jüngern zu machen‘, sondern auch ‚zu taufen‘. In der Apostelgeschichte und an anderen Stellen wird deutlich, dass die Taufe für die Eingliederung in eine anbetende Gemeinschaft mit den dazugehörigen Verantwortungen und Grenzen steht (Apostelgeschichte 2,41-47). Die einzige Möglichkeit, um wirklich sicher zu sein, dass die Zahl der Christen in einer Stadt steigt, ist es, die Zahl der Gemeinden zu erhöhen. Warum? Weil ein Großteil der ‚traditionellen‘ Form der Evangelisation sich auf eine ‚Entscheidung‘ für Jesus konzentriert.

Die Erfahrung zeigt jedoch, dass viele dieser ‚Entscheidungen‘ wieder verschwinden, und nicht in einem veränderten Leben resultieren. Woran liegt das? Sehr viele Entscheidungen sind nicht wirklich Bekehrungen, sondern häufig der Beginn einer Reise, in der es darum geht, Gott zu finden. (Manche Entscheidungen sind natürlich definitiv auch der Moment der Neugeburt, dies ist von der Person abhängig.) Aber nur die Person, die in dem Kontext einer anhaltenden, anbetenden und betreuenden Gemeinschaft evangelisiert wird, kann wirklich sicher sein, dass er schlussendlich zu einem lebendigen und rettenden Glauben findet. Aus diesem Grund kann ein führender Missiologe wie C. Peter Wagner sagen, dass ‚das Gründen von neuen Gemeinden die effektivste evangelistische Methode auf Erden ist.‘

Paulus‘ Strategie war die Gründung von städtischen Gemeinden

Der großartigste Missionar aller Zeiten hatte eine recht simple, zweifache Strategie. Zuerst ging er in die größte Stadt einer Region (siehe Apostelgeschichte 16,9.12). Dann gründete er Gemeinden in jeder Stadt (siehe Titus 1,5: „du sollst in jeder Stad Älteste einsetzen“). Sobald Paulus dies getan hatte, konnte er sagen, dass er das Evangelium in einer Gegend ‚völlig verkündigt‘, und deswegen dort ‚keinen Auftrag‘ mehr hatte (siehe Römer 15,19.23).

Daraus lernen wir, dass Paulus zwei maßgebende Annahmen hatte: a) dass man am meisten bleibenden Einfluss in einem Land durch die größten Städte dieses Landes hinterließ und b) dass man am meisten bleibenden Einfluss in einer Stadt durch Gemeindegründung ausübte. Sobald er dies in einer Stadt erreicht hatte, zog er weiter. Er wusste, dass alles, was noch geschehen musste, passieren würde.

„Aber“ mag nun jemand sagen, „das war ganz am Anfang. Jetzt ist – zumindest unser Land – voll von Gemeinden. Warum sollte Gemeindegründung heute noch wichtig sein?“

Wir wollen den Missionsbefehl erfüllen

Hier einige Fakten:

  1. Neue Generationen, neue Einwohner und neue Volksgruppen werden am besten durch neue Gemeinden erreicht.

Erstens findet man in neueren Gemeinden unverhältnismäßig viele junge Erwachsene. In schon länger bestehenden Gemeinden haben sich Traditionen gebildet (Anbetungsstil, Gottesdienstlänge, emotionale Reaktionsfreudigkeit, Predigtthemen, Leiterschaftsstil, emotionale Atmosphere, und tausende anderer kleiner Bräuche), welche die Vorlieben der älteren Leiter widerspiegeln, die schon länger in der Gemeinde sind und den Einfluss und das Geld haben, um das Gemeindeleben zu beeinflussen. Mit diesen Traditionen werden die jüngeren Generationen nicht erreicht.

Zweitens werden auch neue Einwohner besser durch neue Gemeinden erreicht. In älteren Gemeinden kann es 10 Jahre dauern, bis man in die Leiterschaft oder andere einflussreiche Kreise gelassen wird. Aber in jungen Gemeinden ist es tendenziell so, dass Zugezogene den gleichen Einfluss haben, wie solche, die schon lange dort wohnen.

Letztens werden auch neue Volksgruppen eines Ortes besser durch neue Gemeinden erreicht. Wenn zum Beispiel pendelnde Büroangestellte in eine Gegend ziehen, in welcher die alteingesessenen Einwohner Landwirte waren, ist es wahrscheinlich, dass eine neugegründete Gemeinde den unzähligen Bedürfnissen der neuen Bewohnern gegenüber viel empfänglicher ist, während die die älteren Gemeinden sich weiterhin mehr auf die ursprüngliche Gesellschaftsschicht konzentrieren wird. Außerdem werden zugezogene ethnische Gruppen am Besten durch eine neugegründete Gemeinde erreicht, die von Anfang an multikulturell ausgerichtet ist.

Ein Beispiel: Wenn eine vormals nur von Deutschen bewohnte Gegend einen Ausländeranteil von 33% entwickelt, wird eine neue, absichtlich multikulturell ausgerichtete Gemeinde mit viel höherer Wahrscheinlichkeit einen kulturellen Freiraum für die Zuzügler schaffen können als die alteingesessene Gemeinde der Stadt. Schließlich werden gerade angekommene Immigrantengruppen fast ausschließlich durch Gemeinden erreicht, die Dienste in deren Muttersprache anbieten. Wenn wir abwarten, bis eine neue Gruppe in der deutschen Kultur angepasst genug ist, damit sie in unsere Gemeinde integriert werden kann, werden wir jahrelang warten, ohne uns zu ihnen auszustrecken.

(Anmerkung: eine neue Gemeinschaft für eine neue Volksgruppe kann auch innerhalb einer existierenden Gemeindestruktur geschaffen werden. Dies kann entweder durch einen weiteren Sonntagsgottesdienst geschehen, den man zu einer anderen Uhrzeit stattfinden lässt, oder ein neues Netzwerk an Hausgemeinden, welches mit einer größeren, bereits existenten Gemeinde verbunden ist. Auch wenn in diesen Fällen keine neue, unabhängige Gemeinde gegründet wird, dienen diese Möglichkeiten doch dem selben Zweck.)

Zusammenfassend kann man sagen, dass neue Gemeinden Neuankömmlinge und neue Gesellschaftsgruppen schneller und bereitwilliger integrieren und Einfluss nehmen lassen als ältere Gemeinden. Deswegen haben sie diese in der Vergangenheit schon immer leichter erreichen können, und werden dies auch zukünftig tun. Das bedeutet natürlich, dass Gemeindegründung nicht nur etwas für weit entfernte, ‚heidnische‘ Nationen ist, die wir in christliche Nationen verwandeln möchten. Christliche Nationen müssen einfach aus dem Grund großflächige, lebendige Gemeindegründung betreiben, um christlich zu bleiben!

  1. Neue Gemeinden erreichen die Unerreichten einfach am Besten. Punkt.

Dutzende konfessioneller Studien bestätigen, dass die durchschnittliche neue Gemeinde einen Großteil seiner Mitglieder (60-80%) aus den Reihen der Menschen erhält, die zuvor keine Gemeindegänger gewesen waren. Bereits nach 10-15 Jahren hingegen gewinnt eine Gemeinde 80-90% ihrer neuen Mitglieder dadurch, dass Leute die Gemeinde wechseln. Das bedeutet, dass die durchschnittliche neugegründete Gemeinde 6-8mal mehr neue Leute in den Leib Christi bringt als eine alte Gemeinde derselben Größenordnung. Deswegen ist es so, dass – obwohl etablierte Gemeinden Vieles leisten können, was jüngere Gemeinden noch nicht haben – ältere Gemeinden allgemein gesprochen niemals in der Lage sein werden, was die Effektivität der jüngeren Gemeinden im Erreichen von Menschen angeht, mitzuhalten.

Warum ist das so? Altert eine Gemeinde, führt innerer, institutioneller Druck dazu, dass ein Großteil der Ressourcen und der Energie in Richtung der Anliegen der Mitglieder, und nicht zu denen außerhalb der Kirchenmauern fließt. Diese Entwicklung ist natürlich und zumeist auch wünschenswert. Denn aus diesem Grund haben ältere Gemeinden eine Stabilität und Festigkeit, welche viele Menschen auch brauchen und worin sie wirklich aufgehen. Das bedeutet nicht, dass etablierte Gemeinden keine neuen Leute gewinnen können. Tatsächlich werden viele Nichtchristen nur durch Gemeinden erreicht werden, deren Wurzeln tief in die Gesellschaft gehen und die sich mit Stabilität und Ansehen schmücken können.

Trotzdem ist es allgemein so, dass neue Gemeinden schon allein aus dem Grund auf die Bedürfnisse ihrer Nicht-Mitglieder fokussiert sind, weil sie wollen, dass ihre Gemeinde richtig in Gang kommt. Weil viele ihrer Leiter selbst erst vor kurzem aus den Reihen der Unerreichten gekommen sind, ist diese Gemeinde viel sensibler für die Anliegen der Nichtchristen. Außerdem haben wir in den ersten zwei Jahren unseres Lebens als Christ wesentlich mehr enge, persönliche Beziehungen mit Nichtchristen als danach. Daher hat eine Gemeinde, die voll von „Frischbekehrten“ ist, die Fähigkeit besitzen, viel mehr Nichtchristen einzuladen und zu den Angeboten des Gemeindelebens zu bringen als die die Mitglieder der klassischen, etablierten Gemeinde.

Was heißt das nun ganz praktisch? Wenn wir unsere Stadt erreichen wollen – sollen wir versuchen, ältere Gemeinden zu erneuern, um sie evangelistischer zu machen, oder sollten wir viele neue Gemeinden gründen? Ganz offensichtlich basiert diese Fragestellung auf einer falschen entweder/oder Zweiteilung. Wir müssen beides tun! Nichtsdestotrotz beweist alles bisher Gesagte, dass – bis auf gelegentliche Ausnahmen – die einzige Möglichkeit, in großem Umfang dauerhaft viele, neue Christen in den Leib Christi zu bringen, die Neugründung von Gemeinden ist.

Um dieses Prinzip verdeutlicht zu sehen, stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Stadt A, Stadt B und Stadt C sind exakt gleich groß und haben jeweils 100 Gemeinden mit je 100 Gemeindegliedern. Sind in Stadt A alle Gemeinden älter als 15 Jahre, wird die Gesamtzahl der aktiven Gemeindegänger auch dann sinken, wenn 4 oder 5 Gemeinden richtig lebendig werden und sich in ihnen die Mitgliederzahl verdoppeln sollte. In Stadt B sind 5 der Gemeinden jünger als 15 Jahre alt, und diese gewinnen zusammen mit einigen älteren Gemeinden Menschen für Jesus, was aber nur den normalen Rückgang der alten Gemeinden ausgleicht. Deswegen wird die Gesamtzahl der aktiven Gemeindegänger gleich bleiben. In Stadt C sind 30 der Gemeinden jünger als 15. In dieser Stadt wird die Gesamtzahl der Gemeindegänger mit jeder Generation um 50% wachsen.

Aber“ könnte an diesem Punkt jemand entgegnen, „was ist mit all den bereits existierenden Gemeinden, die Unterstützung nötig hätten? Die bleiben doch bei dieser Rechnung völlig außen vor!“ Doch das stimmt nicht. Denn wir gründen auch Gemeinden,

Um kontinuierlich den gesamten Leib Christi zu erneuern.

Es ist ein großer Denkfehler, zu denken, dass man sich zwischen Gemeindegründung und Gemeindeerneuerung entscheiden muss. So seltsam das auch klingen mag: das Gründen von neuen Gemeinden ist eine der allerbesten Methoden, um viele ältere Gemeinden in der näheren Umgebung zu beleben, und den ganzen Leib Christi zu erneuern. Warum?

  1. Die neuen Gemeinden bringen neue Denkanstöße für den ganzen Leib.

Die Vorstellung, dass wir neue Gemeinden gründen müssen, um den ständigen Zufluss von ’neuen‘ Gruppen, Generationen und Einwohnern erreichen zu können, stößt oft auf Ablehnung. Viele Gemeinden bestehen darauf, dass alle zur Verfügung stehenden Ressourcen genutzt werden sollten, um bestehenden Gemeinden zu helfen, diese Menschen zu erreichen. Aber es gibt keinen besseren Weg, älteren Gemeinschaften die neuen Hilfsmittel und Methoden zum Erreichen neuer Menschengruppen beizubringen als durch das Gründen neuer Gemeinden. Es sind die neuen Gemeinden, welche die Freiheit haben, innovativ zu sein und zur ‚Forschungs- und Entwicklungsabteilung‘ für den gesamten Leib Christi in einer Stadt zu werden. Häufig waren die älteren Gemeinden zu zurückhaltend, um eine bestimmte Vorgehensweise auszuprobieren, bzw. waren völlig davon überzeugt, ‚dass das hier nicht funktionieren kann‘. Aber wenn eine neue Gemeinde in einer Stadt unglaublichen Erfolg mit einer neuen Methode hat, bemerken die anderen Gemeinden dies früher oder später, und werden dazu ermutigt, diese selber einmal auszuprobieren.

  1. Neue Gemeinden sind eine der besten Möglichkeiten, kreative, starke Leiter für den gesamten Leib Christi hervorzubringen.

In älteren Gemeinden betonen die Leiter Traditionen, Beständigkeit, Routine und verwandschaftliche Verbindungen. Neue Gemeinden, auf der anderen Seite, ziehen einen höheren Prozentsatz von wagemutigen Leuten an, die Kreativität, Risiko, Innovation und Zukunftsausrichtung wichtig finden. Viele dieser Männer und Frauen würden sich niemals in einen bedeutsamen Dienst berufen fühlen, wenn es diese neuen Gemeinden nicht gäbe. Oft grenzen ältere Gemeinden starke Leiterpersönlichkeiten aus, weil deren Fähigkeiten innerhalb einer traditionellen Struktur nicht funktionieren. Deswegen ziehen junge, städtische Gemeinden diese Leute – deren Gaben ansonsten in der Gemeinde keine Verwendung gefunden hätten, an, und setzen sie ein. Letztendlich sind diese neuen Leiter allen Gemeinden einer Stadt nützlich.

  1. Die neuen Gemeinden fordern die anderen Gemeinden dazu heraus, sich selbst kritisch zu überprüfen.

Der „Erfolg“ neuer Gemeinden fordert die etablierten Gemeinden häufig dazu heraus, sich selbst ganz neu zu bewerten. Manchmal ist es nur der Kontrast zur neuen Gemeinde, der es den älteren Gemeinden möglich macht, endlich ihre eigene Vision, Besonderheit und Identität auszudefinieren. Oft gibt das Wachstum neuer Gemeinden den älteren Gemeinden neue Hoffnung, ‚dass es doch möglich ist‘. Manchmal führt es sogar zu Demut und Buße über defätistische und pessimistische Einstellungen. Neue Gemeinden arbeiten mit bestehenden Gemeinden zusammen, um Dienste zu stämmen, die keiner von beiden alleine tun könnte.

  1. Eine neue Gemeinde kann die Aufgabe des Evangelisten für eine ganze Stadt übernehmen.

Oft bringt die neue Gemeinde viele Bekehrte hervor, welche aus unterschiedlichen Gründen in den älteren Gemeinden landen. Manchmal ist die neue Gemeinde sehr aufregend und nach außen gewandt, aber gleichzeitig sehr instabil oder unreif in ihrer Leiterschaft. Daher können manche Bekehrten die turbulenten Veränderungen, die regelmäßig in neuen Gemeinden auftreten, nicht aushalten, und sie wechseln in eine bestehende Gemeinde. Manchmal erreicht eine neue Gemeinde einen Menschen für Jesus, aber der frisch Bekehrte merkt bald, dass er nicht in das soziologische Gefüge der neuen Gemeinde hineinpasst, und fühlt sich deswegen eher zu einer etablierten Gemeinde hingezogen, in der die Bräuche und die Kultur vertrauter sind. Gewöhnlich bringen neue Gemeinden in einer Stadt nicht nur neue Leute für sich selbst, sondern auch für die älteren Gemeinden hervor. Fazit: Eifrige Gemeindegründung ist eine der besten Möglichkeiten, bestehende Gemeinden einer Stadt zu erneuern, sowie der allerbeste Weg, dem gesamten Leib Christi in einer Stadt zum Wachstum zu verhelfen.

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum es gut für die Gemeinden in einer Gegend ist, Gemeindegründung zu initiieren oder zumindest zu unterstützen. Wir gründen Gemeinden…

…als eine Übung im ‚Reichgottesdenken‘.

Generell gesprochen ist das Gründen von Gemeinden die größte Hilfe für eine existierende Gemeinde, wenn die neue Gemeinschaft freiwillig aus der älteren Muttergemeinde heraus geboren wird. Oft werden die Begeisterung, die neuen Leiter, die neuen Dienste und neuen Gemeindglieder auf verschiedene Weisen wieder zurück in die Muttergemeinde getragen, und stärken und erneuern diese. Auch wenn es wehtut, gute Freunde und einige Leiter ziehen zu lassen, erlebt die Muttergemeinde normalerweise einen Anstieg im Selbstbewusstsein und Zustrom neuer, enthusiastischer Leiter und Gottesdienstbesucher.

Trotzdem konfrontiert eine neue Gemeinde in einem Ort meistens die anderen Gemeinden in einem wichtigen Bereich: dem ‚Reichgottesdenken‘. Wie wir gesehen haben, ziehen neue Gemeinden die meisten Mitglieder (bis zu 80%) aus den Reihen der Nichtchristen. Aber sie werden immer ebenfalls Leute aus bestehenden Gemeinden anziehen. Das ist unumgänglich. An diesem Punkt sehen sich die etablierten Gemeinden mit einer Frage konfrontiert: „Werden wir uns über die 80% freuen – die neuen Leute, die das Reich Gottes durch diese Gemeinde hinzugewonnen hat – oder werden wir klagen und uns über die drei Familien beschweren, die wir an die neue Gemeinde verloren haben?“ Anders ausgedrückt, ist unsere Haltung der neuen Gemeinde gegenüber ein Test dafür, ob es uns mehr um unser eigenes Revier und unsere Denomination, oder um die allumfassende Gesundheit und das Wohlergehen des Reichs Gottes innerhalb der Stadt.

Jede Gemeinde, die sich mehr über ihre kleinen Verluste aufregt, als dass sie sich über den großen Gewinn für das Reich Gottes erfreut, verrät damit ihre begrenzten Interessen. Aber, wie wir gesehen haben, ist der Nutzen, den ältere Gemeinden aus der Gründung neuer Gemeinden ziehen können, ein sehr großer, selbst wenn das nicht von Anfang an sichtbar ist.

Zusammenfassung

Wirft man einen schnellen Blick auf die Einwände gegen Gemeindegründung, die wir in der Einleitung besprochen haben, sieht man, welche falschen Prämissen diesen Einwänden zugrunde liegen:

  1. Man geht davon aus, dass ältere Gemeinden Neuankömmlinge in einer Stadt genauso gut erreichen kann, wie neue Gemeinden. Aber um neue Generationen und Menschengruppen zu erreichen, braucht man sowohl erneuerte, alte Gemeinden als auch viele junge Gemeinden.
  2. Man geht davon aus, dass neue Gemeinden nur Leute erreicht, die sowieso schon in eine Gemeinde gehen. Aber neue Gemeinden erreichen eigentlich viel mehr neue Leute, und erhöhen so die Gesamtzahl der Gemeindegänger einer Stadt.
  3. Man geht davon aus, dass Gemeindegründung ältere Gemeinden nur entmutigt. Auch wenn das möglicherweise passieren kann, sind neue Gemeinden aus unterschiedlichen Gründen eine der besten Möglichkeiten, die älteren Gemeinden zu erneuern und zu beleben.
  4. Man geht davon aus, dass neue Gemeinden nur da erfolgreich sind, wo die Bevölkerung zunimmt. Aber tatsächlich erreichen sie überall dort Leute, wo die Bevölkerung sich verändert. Wenn neue Leute kommen und ehemalige Einwohner ersetzen, braucht man neue Gemeinden (auch wenn die Gesamteinwohnerzahl sinkt).

Die Gründung neuer Gemeinden ist die einzige Möglichkeit, um wirklich sicher zu gehen, dass die Anzahl der Christen in einer Stadt steigt, und eine der besten Möglichkeiten, den ganzen Leib Christi zu erneuern. Die Beweise für dieses Statement sind überzeugend – biblisch, soziologisch und historisch. Letztendlich kann uns ein Mangel an Reichgottesdenken für all diese Beweise blind machen. Davor sollten wir uns hüten.